Frankfurter Rundschau über "Die Suche" von Eric Heuvel

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Comics

Tim & Struppi in Auschwitz

Von Frauke Haß

Möglichst authentisch
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Möglichst authentisch (Bild: Bildungshaus Schulbuchverlage)
Ein Comic über den Holocaust? Darf man das? Ist das nicht geschmacklos? "Nein", sagen die Leute vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam, die so was wie einen Tim-und-Struppi-Comic zum Holocaust in Auftrag gegeben haben. "Die Suche" heißt das Werk, das zunächst auf niederländisch erschien und bereits seit zwei Jahren, zunächst testweise, inzwischen regulär, auch in Deutschland (sowie in Polen und Ungarn) an Schulen im Einsatz ist.

Mit Tim und Struppi hat "Die Suche" nur bedingt zu tun. Und zwar über den "Ligne Claire" genannten Zeichenstil, der sehr an die Hand von Hergé erinnert, den berühmten Erfinder des belgischen Ermittlers.
Der etwas naiv anmutende Stil wurde bewusst gewählt, sagt Patrick Siegele vom Anne-Frank-Zentrum Berlin: "Er ist der einzige, der es erlaubt, die Umgebung auf den einzelnen Bildern so historisch exakt wie möglich darzustellen. Und das war den Auftraggebern natürlich wichtig."

Schließlich sollte Die Suche von Anfang an im Schulunterricht eingesetzt werden, und zwar nicht nur, um auch Lesefaule zu motivieren, sich mit der Judenverfolgung unter Hitler auseinanderzusetzen. Dass letzteres gleichwohl funktioniert, berichtet die Kölner Gymnasiallehrerin Jutta Weiler, die während der Pilotphase des Projekts an einer Gesamtschule unterrichtete: "Den Auftrag, die ersten 15 Seiten zu lesen, hat meine Klasse glatt ignoriert. Die haben einfach weitergelesen."

Doch Comics können weit mehr, versichert die Historikerin Christine Gundermann von der Freien Universität Berlin: "Wer Comics bloß zum Einstieg in ein Thema benutzt, bleibt weit hinter dem Potenzial des Mediums zurück". Comics dienten dazu, Inhalte zu erarbeiten − von Aids über Hiroshima bis zur jüngeren Geschichte Irans gebe es praktisch zu jedem Thema einen Comic. Sie seien nützlich zur Reflexion und Ergebnissicherung.

Gespenstische Szenen
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Gespenstische Szenen
"Comics sollen nichts ersetzen, aber sie können Perspektiven eröffnen", sagt Gundermann. Sicherlich seien sie "kein Allheilmittel: Wenn Schüler Die Suche lesen, wissen sie ja nachher nicht alles über die Shoa. Aber der Comic kann das Kapitel Holocaust im Geschichtsunterricht gut ergänzen." Zwar gebe es noch zu wenige Untersuchungen, die ermittelt haben, was Comics im Vergleich zu anderen Medien bringen. Doch Gundermann, die sich seit Jahren mit dem Einsatz der Bildergeschichten in der Schule beschäftigt, ist davon überzeugt: "Comics gehören dazu, und werden in der Geschichtsaufbereitung ein sehr wichtiges Medium werden."
Warum? Was kann ein Comic, was ein geschriebener Text oder ein Film nicht auch könnten? "Ein Comic bietet mit seiner Möglichkeit zur individuellen Perspektive auf Geschichte eine einmalige Erlebnisauthentizität", sagt Gundermann.

In "Die Suche" ist es die Geschichte der Jüdin Esther, einer Amsterdamer Jugendlichen, die eines Tages im Jahr 1941 aus der Schule nach Hause kommt und feststellen muss, dass ihre Eltern nach Auschwitz deportiert wurden. Sie kann untertauchen und überlebt. Als Großmutter kehrt sie aus den USA zurück, um Zeugen zu suchen, die ihr erzählen können, wie die Eltern gestorben sind.
"Diese einzigartige Sichtweise auf ein Thema würden Filmer zwar vermutlich auch für sich reklamieren, aber wenn es ein Zeichner schafft, eine eigene grafische Sprache zu entwickeln, ist ein sehr persönlicher Zugriff auf ein Thema möglich." Das zeigten etwa auch die diversen 9/11-Comics wie Art Spiegelmans "In the Shadows of No Towers".

Die Wahrheit über Auschwitz
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Die Wahrheit über Auschwitz

Gundermann lässt offen, ob die eigene grafische Sprache bei Die Suche gelungen ist. Der kindliche Stil der "Ligne Claire" löse in Deutschland weit mehr Befremden aus als in den Niederlanden, wo er viel verwurzelter ist.

Wer die gesellschaftliche Vielfalt darstellen, und beim Holocaust nicht nur Opfern und Tätern Raum geben wolle, der hat mit einem Comic laut Patrick Siegele, "viel mehr Möglichkeiten als etwa mit einem Dokumentarfilm". Siegele schwärmt geradezu von der Figurenvielfalt in Die Suche, die jede Menge Ansatzpunkte zur Diskussion liefere. "Da ist der Vater von Esthers bester Freundin, der sich als Polizist in der Grauzone der Kollaboration bewegt, aber letztlich Esther den entscheidenden Tipp gibt, der sie veranlasst zu fliehen." Auch das Verhalten der Bauern sei interessant, von denen einige der flüchtigen Esther helfen, andere die Hunde auf sie hetzen. "Die große Masse an Mitläufern und Zuschauern kommt sonst im Unterricht kaum vor."

Daran sei auch zu merken, dass "Die Suche" als Arbeitsauftrag entstanden ist, der alle diese Themen behandeln sollte. "Manchen in der Comicszene ist die Geschichte deshalb ein bisschen zu bemüht", sagt Siegele. Art Spiegelmans "Maus" spiele natürlich in einer ganz anderen Liga. "Das ist ein wunderbarer Comic, aber unglaublich anspruchsvoll: Da ringt ein Künstler, mit der Erinnerung, mit der eigenen Unfähigkeit zu trauern − das geht erst in der Oberstufe."

Als entscheidenden Vorteil des Comics gegenüber dem Film im Unterricht sieht Gundermann, "dass der Leser und Betrachter sich mit einem Comic so viel Zeit lassen kann, wie er braucht, um nach eigenen Referenzen zu suchen." Vielleicht liegt es daran, dass der Hennefer Gymnasiallehrer Matthias Kaiser seine Schüler selten so fokussiert erlebt hat: "Auch Filme schauen sie sonst eher so nebenher, aber den Comic haben sie sehr konzentriert gelesen und diskutiert." Der Comic erleichtere das Sprechen über den Nationalsozialismus. "Er liefert Gesprächsanlässe."

Gundermann hält es allerdings für unerlässlich, beim Gebrauch von Comics im Unterricht, auch das Medium selbst kritisch zu beleuchten. Die Schüler sollten in der Lage sein, die Kombination von Bild und Text zu reflektieren. "Ein Messer im Comic ist ja nicht einfach ein Messer. Es gibt gute (ein Taschenmesser) und böse Messer (ein Krummsäbel). Das muss man sehen."

Auch sonst gebe es eine Reihe von Fragen: Wie und wie schnell erzählt der Comic die Geschichte? Wie werden die Figuren eingeführt? Wie wird vergehende Zeit dargestellt? Wie beeinflusst er, wie fesselt die Geschichte, welche Symbole, Farben und grafischen Stile benutzt er? Comics emotionalisierten enorm. "Die Schüler müssen erkennen, wie das funktioniert, über Farbe, die Aufteilung der Panel (der Bilder) und über Stereotype. "

Weil der Leser beim Sprung von Panel zu Panel über die "Hiatus" genannte Lücke stark gefordert sei und sich etwa vergangene Zeit selbst mitdenken müsse, "ist er emotional und kognitiv in sehr hohem Maße beteiligt", sagt Gundermann. Gerade deshalb schaffe die Comicform eine neue mediale Qualität. "Der Comic wertet Geschichte. Das muss ich begreifen: Ich gehe mit, weil ich emotional gebunden bin, und dazu muss ich wieder auf Distanz gehen."

Das Interesse an dieser Art der Medienkompetenz ist offenbar groß: "Es gab eine sehr große Bereitschaft unter den Schülern, sich mit dem Medium Comic, und mit dem Thema Holocaust im Comic auseinanderzusetzen", sagt Siegele. Die Arbeitsmaterialien für den Unterricht seien deshalb deutlich in diese Richtung erweitert worden. Holocaust im Comic − Darf man das? "Die Frage haben die Schüler ganz von alleine aufgebracht. Das ist doch ideal", berichtet auch Jutta Weiler.

 

 

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