Wiglaf Droste über Tim in der Jungen Welt

Veröffentlicht auf von Bembelo

Eine liebevolle Rezension hat Wiglaf Droste in der Jungen Welt geschrieben:

 

Indiana Tim

Steven Spielberg hat »Tim und Struppi« verfilmt

Von Wiglaf Droste
 
Als Steven Spielberg und sein Produzent Peter Jackson »Die Abenteuer von Tim und Struppi« verfilmten, standen ihnen als Vorlage 23 Alben des belgischen Comiczeichners Georges Rémi alias Hergé zur Verfügung. Sie wählten ambitioniert aus und entschieden sich im wesentlichen für die beiden Abenteuer »Die Krabbe mit den goldenen Scheren« und das titelgebende »Geheimnis der ›Einhorn‹«.

»Die Krabbe mit den goldenen Scheren« entstand 1940/41; es ist das neunte Abenteuer der »Tim und Struppi«-Serie, und ein ganz besonderes. Hier erschien zum ersten Mal eine Figur, die Hergé zu einer tragenden Säule aller folgenden Alben machte: Käpt’n Haddock, »der alte Saufaus«, wie er vom verräterischen Leutnant Allan genannt wird, und das nicht zu Unrecht. Denn stets ist das Unglück und Verderben, das Haddock anrichtet, alkoholinduziert; sobald Haddock den Geist aus der Flasche in sich selbst hinüberleitet, wird es brenzlig. Gerade seine Schwäche macht ihn zu einem starken Sympathieträger, der ein vitales Pendant abgibt zur Tugendboldigkeit des geschlechtsneutralen, pfadfinderhaften Tim.

Haddock beherrscht die hohe Kunst der nicht sinngebundenen und deshalb auch nicht widerlegbaren Beleidigung. Eine Bande von räuberischen Feinden belegt er mit dem Schwall: »Ihr Schufte! Schlafmützen! Schwarzfüße! Troglodyten! Ihr Wilden! Feuerfresser! Hausierer! Ikonoklasten! Schnapphähne! Piraten! Süßwassermatrosen! Hatschi-Bratschis! Bahnhofspenner! Affengesichter! Barbaren! Sandflöhe! Anthropohagen!« Unparierbare Donnerwetter wie diese werden Spielbergs Zuschauern leider vorenthalten, und in einer Szene des Films muß ausgerechnet Haddock das ur-US-amerikanische Gebet vom Glauben an sich selbst herunterleiern, daß es einen schüttelt; diese geistauslöschende Menschheitsgeißel findet sich weder in Hergés Original, noch ist sie für den Film von irgendeinem Belang.

Die zweite tragende Säule des Films, Hergés elftes Album »Das Geheimnis der ›Einhorn‹«, ist ein Stoff wie für Spielberg gemacht. Es geht um einen Schatz, um kriminelle Machenschaften, um Gut gegen Böse. Spielberg kann das dramatische Potential voll ausschöpfen und hat daran sichtlich seinen Spaß; 30 Jahre nach seinem ersten »Indiana Jones«-Abenteuer von 1981, dem »Jäger des verlorenen Schatzes«, griff Spielberg für seine »Tim und Struppi«-Adaption in seine bewährte Trick- und Zauberkiste und läßt Tim etwas von einer mythischen »Geschichte« raunen, als wäre er Dr. Jones. Dieses Zwangsbranding nervt ein bißchen, aber nur kurz und zerstört den Film nicht, der ca. 103 von 107 Minuten lang rasant ist und komisch, Spannung aufbaut, hält und steigert und insgesamt ein großes Vergnügen ist.

Ich sah den Film zweimal innerhalb von drei Tagen; zuerst die Fassung in 3D, danach die ohne Raumgreifertechnik, und von den erwähnten Kleinigkeiten abgesehen fühlte ich mich gut unterhalten, auch von dem nachträglich erfundenen Dialog zwischen Tim und Käpt’n Haddock: »Ich bin Realist.« – »Das ist doch nur ein anderes Wort für Drückeberger.« Kein Film für öde grüne Realos also, sondern im Gegenteil für Acht- bis Zwölfjährige jeden Alters.
Erschienen am 2.11.2011 in der Tageszeitung "Junge Welt" die angesichts der größtenteils gleichschreibenden bürgerlichen Medien in Deutschland durchaus einen Platz bei der täglichen Zeitungslektüre verdient hat.

Veröffentlicht in Rezensionen u.ä.

Kommentiere diesen Post