Whiteout - eine Rezension

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Wie schon so oft, eine gute Rezension beim Berliner Tagesspiegel.

Comic-Thriller

Starke Frauen

Greg Ruckas packende Miniserie „Whiteout“ wurde verfilmt und erschien jetzt als DVD - ein guter Anlass, sich die Comic-Vorlage noch einmal genauer anzuschauen.
 
 
Eiskalt erwischt. US-Marshall Carrie Statko kämpft in »Whiteout« ums Überleben in der Antarktis. Illustration: Lieber/Cross Cult

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 Als Greg Rucka vor zwölf Jahren die Welt der Comics betrat, tat er dies mit gleich zwei Donnerschlägen. Vorher hatte sich der ehemalige Rettungssanitäter und Türsteher schon einen Namen gemacht als Autor unterhaltsamer, aber trivialer Romane um den Bodyguard Atticus Kodiak. Doch seine Übernahme der Batman-Ursprungsserie „Detective Comics“ war zunächst nichts anderes als sensationell. Nach Jahren der Mittelmäßigkeit konnte man den Dunklen Ritter plötzlich wieder lesen, Batman war ein in der Realität verwurzelter Verbrechensbekämpfer, der seine manchmal unheimlichen Gegner mit den Mitteln eines Detektivs bekämpfte und oft nur noch als Beobachter am Fall beteiligt war. Und dann war da Bruce Waynes Leibwächterin Sasha Bordeaux, inzwischen eine der faszinierendsten Frauenfiguren des DC-Universums.

Überhaupt: starke Frauen! Die haben es Rucka angetan, denn parallel zu seinen Superhelden-Geschichten – nach „‘tec“ übernahm der bullige Glatzkopf die „Adventures of Superman“ und „Wonder Woman“ – kam beim Kleinverlag Oni die erste „Whiteout“-Miniserie heraus. „Heldin“ dieses ungewöhnlichen Krimis ist US-Marshall Carrie Stetko, die auf einer Forschungsbasis in der Antarktis einen Mörder sucht. Sie hat dafür nur wenig Zeit, denn in wenigen Tagen endet der Sommer am Südpol und Carrie wäre zusammen mit dem Mörder für Monate eingeschlossen. Doch spätestens als Marshall Stetko Hilfe von der britischen Geheimagentin Lilly Sharpe bekommt, ahnt sie, dass dieser Fall etwas größer als erwartet ist.

Mit Carrie Stetko hat Greg Rucka „eine Frauenfigur geschaffen, die innerlich so erkaltet ist, dass sie die Millionen Quadratkilometer Eis der Antarktis als ihr Zuhause angenommen hat“, erklärt Zeichner Steve Lieber in seinem Nachwort. Lieber war für „Whiteout“ eine kongeniale Wahl, hat er doch die vollkommene Reduktion zum Stilmittel erkoren. Hier fallen alle Mosaiksteine zusammen: „Whiteout“ ist ein meteorologisches Phänomen, bei dem es durch schneebedeckten Boden, Windstille und diffusem Sonnenlicht zur Aufhebung der Horizontlinie kommt. Orientierungslosigkeit und Schwindel sind die Folge, großartige – auch symbolische – Voraussetzungen für einen modernen Krimi. Lieber entpuppt sich hier als Meister der Lichtsetzung.

Komplexe Plots, moralische Zweifel


Nach diesem Blitzstart gab Rucka richtig Gas: Es folgte die noch bessere Fortsetzung „Whiteout: Melt“, in der Carrie und Lilly gegen ihren Willen zurück auf den sechsten Kontinent müssen um einen weiteren Fall zu lösen, dazu kam der Quasi-Spin-Off „Queen & Country“, eine Ensembleserie, wieder mit einer starken Frau als Hauptfigur, die zwischenzeitlich auch in zwei Romanen weiter geführt wurde.

Gerade in diesen Romanen zeigt sich auch das große Manko am System Rucka: Seine Plots und Charakterisierungen sind meist so komplex und ausgefeilt, dass ein Leser keinen Zugang findet, wenn er nicht von Anfang an und in der richtigen Reihenfolge liest. Auch das wesentlich leichter angelegte „Whiteout“ brummt nur so vor Anspielungen und Subtext, nicht zuletzt zu sehen in der immer wieder angedeuteten Homoerotik zwischen Carrie und Lilly. Für Ironie dagegen hat Rucka gar keinen Draht. Seine Geschichten spielen in der Gegenwart, in der Realität und behandeln oft genug moralische Fragwürdigkeit, meist werden seine idealistischen Helden mit ihr konfrontiert.

Als Film einer der größten Flops des Jahres


Spätestens an dieser Stelle kommt die politische Orientierung des in Portland lebenden linksliberalen Greg Rucka ins Spiel. Wie der Literaturwissenschaftler Jochen Ecke im Nachwort des zweiten „Whiteout“-Bandes bemerkt, bleibt bei Rucka meist der moralische Idealismus auf der Strecke, „good“ muss dem „good enough weichen“. Eine Einsicht, der sich auch US-Präsident Obama im ersten Jahr seiner Amtszeit beugen musste.

Warum der Perfektionist Rucka nun gerade die Verfilmung seines Gesellenstücks lobt, bleibt sein Geheimnis. Zehn Jahre in der Entwicklungshölle, vier verschiedene Drehbuchautoren und ein Regisseur, der mehr Wert auf Effekte denn auf Charakterisierung legt (die Rolle von Lilly wurde gleich ganz gestrichen) haben dem Film nicht gerade gut getan. Sicher: Kate Beckinsale ist schön wie immer und darf nach zehn Minuten Filmhandlung erstmal ausgiebig duschen. Und Hollywood-Veteran Tom Skerrit ist so verschmitzt und kantig, dass er gar nichts falsch machen kann. Es gibt einige schöne Aufnahmen von arktischer Landschaft, aber der Film von Dominic Sena („Passwort: Swordfish“) ist vollkommen vorhersehbar. Kein Wunder, dass er in den USA einer der größten Flops des vergangenen Jahres wurde und in Europa nun nur auf DVD veröffentlicht wird. Unser Tipp: Lieber den Comic lesen.

Greg Rucka (Text), Steve Lieber (Zeichnungen); Whiteout, zwei in sich abgeschlossene Bände, aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Pannor. Cross Cult, je 128 Seiten, je 16 Euro. Angekündigt für 2010: „Whiteout: Night“. Oni Press, Portland, OR, USA.

DVD: „Whiteout“. Regie: Dominic Sena, Darsteller: Kate Beckingsale, Gabriel Macht, Tom Skerrit. USA 2009, 100 min, ab 16 Jahre. Warner Home Video.

Ruckas Serie „Queen & Country“ liegt auf Deutsch in acht Bänden vor (Modern Tales).

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