Warum ich Pater Pierre getötet habe - Rezension

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Comic als Therapie Wenn Worte den Missbrauch nicht fassen können

 

Szene aus dem Comic "Warum ich Pater Pierre getötet habe"

Comicautor Olivier Ka wurde als Kind missbraucht. Von einem Priester. Schlimmer noch: von seinem Freund, seinem Vorbild. Lange Zeit konnte er sich niemandem anvertrauen. Jetzt hat er einen Weg gefunden, das Unaussprechliche zu verarbeiten.

Ein dunkles Durcheinander aus Schemen, Gedanken und Schrecksekunden. So erinnert sich Olivier Ka an den Moment, der sein gesamtes Leben verändern sollte. Zwölf Jahre alt war der französische Autor, als er in einem Ferienlager von einem Geistlichen missbraucht wurde. Knapp 25 Jahre später findet er erstmals den Mut, die Worte und die Mittel, um das Erlebte zu fassen. Zusammen mit einem Freund verarbeitet er seine Geschichte in einem Comic.

Titelbild "Warum ich Pater Pierre getötet habe"

So real die Geschichte des Comics ist, so wenig real ist sein Titel: In "Warum ich Pater Pierre getötet habe" geht es nicht um Mord. Es geht auch nicht um Rache oder bloße Anklage. Olivier Ka geht es darum, innere Dämonen zu töten, einen Exorzismus an sich selbst auszuüben und die quälenden Erinnerungen an eine lang verheimlichte Tat wenn schon nicht auszulöschen, so zumindest zu lindern. Pater Pierre ist sein persönlicher Dämon, auf dem Titelbild verschmelzen sein Gesicht und das des Autoren zu einer Einheit mit schreckgeweitetem Blick. Ein Bild, das mehr sagt, als tausend Worte es jemals könnten. Und so zieht es sich durch das gesamte Buch.

Optische Erzählebene als Ausweg

Wo Olivier Kas Sprache versagt, wo es ihm nicht möglich ist, Gefühle, Erinnerungen, Ängste und all das innere Chaos in Sätze zu packen, greift Comiczeichner Alfred unterstützend ein. Es gibt ganze Bilderstrecken, die ohne ein erklärendes Wort auskommen. Aber auch sonst hilft die Bildsprache, Sachverhalte mit wenigen Pinselstrichen nacherlebbar und für den Betrachter verständlich zu machen.

Szene aus dem Comic "Warum ich Pater Pierre getötet habe"

Bild vergrößernBildunterschrift: Urlaub in der Ardèche: Eine der seltenen fröhlichen Szenen des Comics

So erscheint Pater Pierre dem kleinen Olivier vom ersten Aufeinandertreffen an wie eine überlebensgroße Figur, ein Mensch, der auf der einen Seite real ist, auf der anderen Seite alles und jeden überragt, zu dem jeder aufsieht – ganz besonders Olivier. Pater Pierre wird sein Freund, sein Vertrauter. Olivier himmelt ihn an, findet in ihm eine erstrebenswerte Form von Autorität, die ihm weder seine Hippieeltern noch seine erzkonservativen Großeltern bieten können.

Als der Freund einige Jahre später jedoch sein anderes Gesicht zeigt und Dinge sagt, die dem damals Zwölfjährigen falsch vorkommen, verändert sich auch sein Äußeres. Pater Pierre sieht plötzlich aus wie ein riesiger roter Kater, ein gelbäugiger Teufel mit sanftem Lächeln. Olivier hingegen mutiert zur blassen Maus mit hilflos nach unten gesenktem Blick. Und visualisiert damit eine Erlebnisebene, die bei Missbrauchsopfern oft anzutreffen ist.

Schuldgefühle von zerstörendem Ausmaß

"Nicht nur die Tat, auch das Reden darüber ist für die Betroffenen eine erhebliche psychische Belastung, die mit großen Hemmungen und großer Scham verbunden ist", erklärt Dr. Werner Kleine, Pastoralseelsorger an der Katholischen Citykirche Wuppertal. Auch er hat den Comic von Olivier Ka gelesen und sieht Parallelen zu den Fällen, die ihm aus seiner Arbeit bekannt sind: "Missbrauchsopfer sehen sich generell großen Schuldgefühlen ausgesetzt. Bei Opfern aus dem kirchlichen Kreis kommt hinzu, dass der Täter als besondere Heiligkeit betrachtet wird. Er ist ein Mann Gottes, dem traut man so etwas einfach nicht zu."

Szene aus dem Comic "Warum ich Pater Pierre getötet habe"

Bild vergrößernBildunterschrift: Ungezwungen, alternativ, verwirrend: So erinnert sich Olivier an seine Kindheit zurück

Angesichts der nicht abebbenden Medienberichterstattung über Kindesmissbrauch durch Geistliche findet es Werner Kleine immens wichtig, dass auch die Stimme der Betroffenen gehört wird. Was ihm und vielen anderen aus seinem direkten Umfeld in der aktuellen Debatte fehlt, sind Beiträge und Dokumente wie der autobiografische Comic von Olivier Ka, der die Opferperspektive greifbar macht. Er hofft, dass das Buch, das bereits vor vier Jahren erschienen ist, damals aber kaum wahrgenommen wurde, viele Leser findet. Denn es macht betroffen, es rüttelt auf und es öffnet den Blick. "Jeder, der dieses Buch gelesen hat, wird empört aufstehen und sagen: Das kann doch nicht wahr sein!"

Vielleicht zeigt es Betroffenen aber auch einen Weg auf, ihre eigene Geschichte zu verarbeiten. Olivier Ka ist es mit seinem Comic gelungen. Er hat sich seiner Vergangenheit gestellt und sie – so gut es geht – hinter sich gelassen.

 

 

Gefunden auf www.br-online.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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