.....und noch einmal Christophe Blain & Alain Passard

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Jürgen Dollase, der  Gastronomie-Kritiker und Journalist, hat für das führende Blatt des konservativen Bürgertums (die FAZ - was'n sonst?) eine Rezension zu Christoph Blains neuestem Werk geschrieben, die so gut ist, dass ich sie in diesem Blog nicht vergessen darf.  Unbedingt lesen !

 

 

Mit der Pinzette ein Minzblättchen anlegen

Der Autor Christophe Blain hat den Pariser Drei-Sterne-Koch und Weltstar der Gemüseküche ungefähr drei Jahre lang begleitet. Der Witz: Das Buch ist ein klassisch französischer Comic von ausgezeichneter Qualität.

Von Jürgen Dollase

2011-08-25 14:03:22

Noch ein Buch mit Alain Passard, so kurz nach seinen „Collages et Recettes“ (siehe auch: Kochbuchkolumne „Esspapier“: Alain Passards Liebe zum Gemüse)? Ja, aber eines der etwas anderen Art. Der Titel ist noch nicht einmal irreführend: Der Autor hat den Pariser Drei-Sterne-Koch und Weltstar der Gemüseküche tatsächlich ungefähr drei Jahre lang begleitet. Es gibt auch fünfzehn Rezepte, von den Gemüsesushi und der Roten Bete mit rotem Basilikum und Pflaumen bis zu dem unter der Haut mit Lorbeer gespickten St. Petersfisch. Diese Rezepte werden in vielen Details illustriert und kommentiert. Der Witz: Das Buch ist ein klassisch französischer Comic von ausgezeichneter Qualität, dessen einundvierzigjähriger Autor zu den Meistern seines Faches zählt.

Die Grundfrage ist natürlich, ob der Comic ein Medium ist, das die Informationen über die Küche sinnvoll erweitern kann oder ob gemäß einer Art statistischer Normalverteilung irgendwann eben auch dieses Medium einmal dran ist.

Typische Gesten der Köche

Wer Comics und speziell die von Christophe Blain kennt, wird längst ahnen, dass es sich gelohnt hat. Die Zeichnungen wirken wie mit schnellen Strichen gemacht, sind manchmal etwas brüchig, haben aber ein enormes Ausdrucksspektrum.

Blain ist ein sehr guter Beobachter, der eine große Menge an kleinen Vorkommnissen in der Küche mitbekommt. Vor allem aber erkennt er, dass sich dort etwas abspielt, das blendend als Comic dargestellt werden kann. Ja, am Ende der Lektüre ist man sich sogar sicher, dass es kein Medium gibt, in dem das, was hier dargestellt wird, besser dargestellt werden kann. Das hat einen Grund. In Frankreich wird häufig der Begriff „Geste“ im Zusammenhang mit Köchen benutzt. Man meint damit eine Reihe von typischen Bewegungen, die im Zusammenhang mit den vielen unterschiedlichen Arbeiten immer wieder zu beobachten sind und sich manchmal geradezu zu Marotten auswachsen. Typisch ist etwa, wie man mit dem Schneebesen eine Sauce aufschlägt, wie man Pfannen schüttelt oder Fleischstücke wendet, wie man abschmeckt oder - seit einiger Zeit sehr beliebt - sich intensiv und nahe beim Anrichten über den Teller beugt und noch irgendwo mit der Pinzette ein gedritteltes Minzblättchen anlegt.

Pointiert gezeichnet

Blain hat bei Passard Unmengen dieser Gesten aufgezeichnet und wunderbar leicht, typisch und dezent übertreibend erfasst. Das Titelbild zeigt zum Beispiel ein Bild aus dem Rezept „Ananas à l'huile d'olive, miel et citron“, in dem sich der Meister in großer Pose denkend den Materialien nähert. Man schmunzelt fast während der ganzen Lektüre, weil hier alles so gut getroffen ist. Ja, ja, man kennt das, wenn die Meister angesichts eines Beobachters oder einer Kamera besonders intensiv in die Löffel greifen. Das Buch ist also nicht nur treffend und informativ, sondern auch wirklich komisch.

Dabei schafft Blain etwas, das nur die besten Comics dieser Art schaffen: Er macht seine Figuren nicht lächerlich, sondern entwickelt eine ganz leichte, angenehme Ironie - vielleicht, weil er immer ganz nah dran ist, eigentlich ein wenig zu nah, und auch seine Verwirrung beim Probieren und seine Reaktionen auf die vielen Aufforderungen und Erklärungen des Meisters gleich mit ins Bild bringt. Da taucht dann eben plötzlich der Kopf des Zeichners unter dem Fisch auf, in dessen Haut Passard einen Schnitt gemacht hat, um die dadurch entstandene Tasche mit Lorbeer zu füllen. Pointiert gezeichnet, eben etwas zu nah dran und im mehrfachen Sinne mitgenommen von den genialen Gesten und Erläuterungen des Großmeisters. Wunderbar.

Delikatesse der ganz besonderen Art

Ein besonderer Höhepunkt ist die Passage über Julie, ein zartes und leicht gebeutelt wirkendes Wesen, von dem kaum mehr als der Kopf abgebildet wird. Das Fräulein ohne Unterleib erzählt nun etwas aus dem Innenleben der Brigade: „Er schreit nie. Er macht höchstens einmal eine kleine Bemerkung.“ Wie Julie sich durch den verwirrenden und anstrengenden Alltag schlängelt, das ist meisterhaft und anrührend dargestellt.

Und dann der Schluss. Der Autor und der Zigarre rauchende Passard gehen durch eine Straße. Passard erzählt, dass er nie Ferien macht und dass man im Restaurant erst morgens um drei Uhr die Arbeit beendet. „Wann stehst du auf?“, fragt Blain. „Um sieben“, antwortet Passard. Das Schlussbild zeigt die beiden - nein, nicht in den Horizont, eher in die dunkle Stadt gehend. Passard ist triumphierend-jovial zu vernehmen: „Hahahaha, man hat ein schönes Leben!“

Das Buch ist eine Delikatesse der ganz besonderen Art. Eine Übersetzung ins Deutsche ist hier, wie bei vielen wichtigen, guten und schönen Büchern, nicht zu erwarten. Diesem hier kann man aber sicher auch ohne größere Französischkenntnisse viel abgewinnen.

Christophe Blain: En Cuisine Avec Alain Passard. Gallimard, Paris 2011. 88 S., geb., 17,- Euro.

(der einfach warten bis der Band in Deutschland erscheint - hoffentlicht bald !)

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