Um die Welt mit Tim und Struppi

Veröffentlicht auf von Bembelo

arte, einer der wenigen Gründe warum ich noch gerne GEZ-Gebühr zahle, wird in der nächsten Woche unseren

Helden mit einigen Dokumentationen ehren, die die Reisen des jungen Reporters nachzeichnen.

 

ARTE Dokureihe

AUF REISEN MIT TIM UND STRUPPI


Die Zigarren des Pharaos
Montag • 20. September • 19.30

Der blaue Lotus
Dienstag • 21. September • 19.30

Die Krabbe mit den goldenen Scheren
Mittwoch • 22. September • 19.30

Der Sonnentempel
Donnerstag • 23. September • 19.30

Tim in Tibet
Freitag • 24. September • 19.30

www.arte.tv/
timundstruppi

 

Also nix wie ran an die diversen Aufzeichnungsgeräte und die entsprechende Programmierung sorgfältig eingeben !

 

 

 

Im aktuellen Arte-Magazin war auch ein Interview welches durchaus lesenswert erscheint:

 

 

Um die Welt mit Tim und Struppi

Der Zeichner Hergé schickte seine Helden Tim und Struppi auf Abenteuer von China bis Peru. Wie sie dadurch zu Zeugen der Zeitgeschichte wurden, erklärt der ehemalige Außenminister Frankreichs, Hubert Védrine.

 

Sie sind über 80 Jahre alt und noch immer en vogue: Tim, der findige Reporter und sein aufgeweckter Begleiter, der Foxterrier Struppi. Der Fanclub der Comic-Helden ist riesig, gerade verfilmen die Regisseure Steven Spielberg und Peter Jackson das Album „Das Geheimnis des Einhorns“ und auch ARTE geht mit einer Dokureihe „Auf Reisen mit Tim und Struppi“. Das ARTE Magazin hat aus diesem Anlass den Politiker Hubert Védrine gebeten, seine Comic-Alben noch einmal zu durchstöbern. Hubert Védrine, der außenpolitischer Berater François Mitterrands und später französischer Außenminister war, ist passionierter Fan von Tim und Struppi.- Im Interview erzählt er: Mit seiner Leidenschaft war er im Elyséepalast nicht allein.

 

ARTE: Wofür haben Sie sich zuerst interessiert – für Comics oder für Politik?
Hubert Védrine: [lacht] Ich war ein normales Kind. Zuerst interessierten mich natürlich Comics. Als Kind zeichnete ich sogar selbst. Meine Freunde und ich gründeten im Gymnasium einen Schreibzirkel, wir erfanden Geschichten, die ich dann mit Bleistift, Aquarellfarben oder Tusche illustrierte. Ich war damals bereits Anhänger der „Ligne claire“, des klaren Zeichenstils, den Hergé mit Tim und Struppi begründet hat. Als ich mit 34 Jahren außenpolitischer Berater von Präsident Mitterrand wurde, begegnete ich im Elyséepalast echten Tim und Struppi-Fans, die alle Figuren der 24 Alben kannten.

ARTE: Welche Bedeutung hat dieser Comic für Sie?
Hubert Védrine: Hergé und seine Comic-Alben gehören für mich ebenso zur Kultur wie René Char und Georges Simenon. In meiner Pariser Wohnung und in meinem Ferienhaus habe ich Sammlungen mit jeweils 200 bis 250 Comic-Bänden, nach Autoren sortiert. Herzstück dieser Bibliotheken bilden die kompletten Ausgaben von Hergé und Edgar P. Jacobs, dem Zeichner der Comic-Serie „Blake und Mortimer“ – übrigens ein Freund und zeitweiliger Mitarbeiter von Hergé. Ich lese heute noch darin …

ARTE: Welche sind Ihre Lieblingsbände von Hergé?
Hubert Védrine: Mir gefallen besonders die Alben aus seiner mittleren Schaffensphase: „Im Reiche des schwarzen Goldes“, „Der Fall Bienlein“ und „Reiseziel Mond“ sind herausragend. In den Alben „Der Sonnentempel“ und „Die sieben Kristallkugeln“ sind viele filmästhetische Elemente enthalten. Sie sind großartig konstruiert und sehr dicht erzählt.


ARTE: Hergé schickt Tim oft auf Reisen. Konfrontiert er seinen Helden so schlicht mit den Themen seiner Epoche, oder zeigt er eine außergewöhnliche Offenheit?
Hubert Védrine: Das kommt auf das Album an. Dass sich ein belgischer Comic-Zeichner für den Kongo der Vorkriegszeit interessiert, ist nicht ungewöhnlich. Um im Jahr 1953 die Raumfahrt zu thematisieren, muss man schon offen für den technischen Fortschritt sein. Aber dass Hergé vor dem Zweiten Weltkrieg schwierige Fragen wie den Balkankonflikt („König Ottokars Zepter“) oder die Auseinandersetzungen in Asien („Der blaue Lotos“) aufgreift, ist etwas Besonderes. Dabei reiste Hergé nicht viel. Er las Zeitungen und Magazine, sammelte Ereignisse, schrieb sie um und verband sie mit den persönlichen Geschichten von Tim, Kapitän Haddock und den anderen. Durch Hergés Talent, aktuelle Themen und Personen seiner Zeit in seine Geschichten zu integrieren, machte er sie zeitlos. In „Die Zigarren des Pharaos“ tritt zum Beispiel Henry de Monfreid auf den Plan, der in Frankreich als bedeutender Abenteurer des 20. Jahrhunderts gilt. Er rettet Tim, als dieser in einem Sarkophag übers Meer treibt. Dass Hergé die Ereignisse von damals sehr vereinfacht darstellt, macht Tim und Struppi auch heute für jedermann verständlich.

ARTE: Kann man die frühen Bände wie etwa „Tim im Kongo“ reaktionär nennen?
Hubert Védrine: Heute wegen „Tim im Kongo“ vor Gericht zu gehen, wie es gerade passiert, ist lächerlich. Es ist ein Zeitdokument. Aus dem Zusammenhang gerissen, ist auch die Bibel voller Anstiftungen zur Gewalt. Es stimmt, dass Afrika sehr patriarchalisch und idyllisch dargestellt wird – das ist aber keine rein belgische, sondern eine europäische und kolonialistische Haltung. Die Bösewichte in „Tim im Kongo“ sind außerdem eher die Weißen. Seine traditionsverhaftete und in mancher Hinsicht reaktionäre Herkunft hat Hergé in seinem Werk überwunden. Die Figur Tim ist eine Art netter, weltgewandter Pfadfinder, in dem sich viele NGO-Mitglieder wiedererkennen können.

ARTE: Dennoch hat Hergé einige Bände überarbeitet oder neu gezeichnet, so auch „Tim im Kongo“.
Hubert Védrine: Er tat dies aus politischer Korrektheit. Die Beschreibung bestimmter Ereignisse kann nach wenigen Jahren schon nicht mehr zulässig sein. Vielleicht wird man in 30 Jahren mit Dingen, die uns heute richtig erscheinen, genauso verfahren.

ARTE: Hat sich die Weltsicht, die Hergé durch seinen Helden Tim vermittelt, im Laufe der Abenteuer weiterentwickelt?
Hubert Védrine: Hergés Blick auf das Weltgeschehen ist stets wohlwollend: Tim hat Freunde in vielen Ländern und wird immer sehr nett aufgenommen. Er verkehrt aber auch mit Herrschern, denn Hergé hat einen kleinen Hang zur Monarchie. Generell ist Tim auf der Seite der Opfer, wie des jungen Tschang bei „Tim in Tibet“. Er will den Schwachen helfen. Mit dem Alter hat Hergé sich von der etwas dummen Vorstellung anstecken lassen, die Europäer müssten sich überall einmischen, da das Schicksal der Welt von ihnen abhinge. In dem Album „Tim und die Picaros“, das während einer der zahlreichen Revolution in Lateinamerika spielt, will Tim den General Alcazar daran hindern, den besiegten Putschisten zu erschießen. Der jedoch protestiert – er will erschossen werden, denn eine Begnadigung wäre demütigend. Da gibt es also eine Art humanitäre Intervention.

 

 

 


ARTE: Die Sie als menschenrechtlerisch bezeichnen …
Hubert Védrine: Ich unterscheide die Verteidigung der Menschenrechte, für die ich mich natürlich einsetze, von menschenrechtlerischem Verhalten, unsere Art uns überall einzumischen, um die Achtung der Menschenrechte durchzusetzen, obwohl es doch meist viel komplizierter ist. Tim ist menschenrechtlerisch, aber das nehme ich ihm nicht übel, das macht ihn sympathisch.ARTE: Der Dalai Lama dankte Tim für seine Verdienste um Tibet. Scheint Ihnen das gerechtfertigt?
Hubert Védrine: Ja, denn „Tim in Tibet“ prägt ein besonderes Bild dieses Kulturraums: die friedliche Atmosphäre der herrlichen Klöster, die Mönche, denen Hergé mediale Kräfte zuerkennt. Man hat nicht den Eindruck, Tibet sei besetzt und Gegenstand einer heftigen Auseinandersetzung.

ARTE: 1994 veröffentlichte die Zeitschrift „Courrier International“ auf ihrer Titelseite eine „Tim im Kongo“-Parodie namens „Tonton au Rwanda“, mit der sie Frankreich und Mitterrand der Mitschuld am Genozid in Ruanda bezichtigte. Wie fanden Sie das?
Hubert Védrine: Wenn man bedenkt, welche Abscheulichkeiten über die französische Ruanda-Politik verbreitet wurden, war das gar nicht so schlimm. Unsere Politik sollte die Gewaltspirale stoppen, die absehbarerweise zu einem Massaker führen musste, und Hutus sowie Tutsi davon überzeugen, die Macht unter sich aufzuteilen. Ein grundsätzlich ehrenwerter Ansatz, der leider scheiterte.

ARTE: Wo ist Deutschland bei „Tim und Struppi“? Kaum vorhanden oder nur gut versteckt?
Hubert Védrine: Abgesehen vom Diktator Müssler, einer Mischung aus Mussolini und Hitler („König Ottokars Zepter“) erinnert kaum etwas an Deutschland – und selbst diese Anspielung ist indirekt. Deutschland als politische Einheit gibt es nicht, das trifft übrigens auch für Frankreich zu. Hier liegt auch der Grund für Tim und Struppis Zeitlosigkeit: Die Geschichten sind so weit im weltpolitischen Zusammenhang verankert, dass sie spannend bleiben und auf heutige Konflikte übertragbar sind, aber niemals so speziell, dass sie unangenehm veraltet wirken.

ARTE: Vor einigen Jahren gab es in der Französischen Nationalversammlung ein Kolloquium zum Thema: „Tim und Struppi – rechts oder links?“. Waren Sie dort?
Hubert Védrine: Nein. Die Frage ist übrigens überflüssig: Hergé war natürlich rechts, aufgrund seiner kulturellen Prägung, aus reiner Selbstverständlichkeit. Aber er hat sich weiterentwickelt. Seine Leserschaft war so breit, dass er bald weder links noch rechts sein konnte. Er suchte nach Ausgewogenheit. Seine Stärke ist, dass er sich auf alle Kulturen übertragen lässt. Spürbar ist auch die französische Tradition der Aufklärung, auf leichte Art von den ernsten Dingen zu sprechen, und auf ernste
Art von den leichten.

DAS INTERVIEW FÜHRTE PIERRE-OLIVIER FRANÇOIS

ARTE PLUS


HUBERT VÉDRINE, Jahrgang 1947, Politikstudium an französischen Elitehochschulen; trat 1974 ins Kulturministerium ein und war ab 1979 im Außenministerium tätig; 1981 von François Mitterrand in den Élyséepalast berufen; von 1997 bis 2002 Außenminister

 

 

 

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