NZ-online: Trends im Vorfeld des Erlanger Comic-Salons

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Nürnb

 

Auf dem Weg zur E-Literatur

Trends im Vorfeld des Erlanger Comic-Salons

 

Auf dem 14. Erlanger Comic Salon (3. bis 6. Juni 2010) werden wieder Deutschlands wichtigste Comic-Preise vergeben: knusprige Brote mit den Umrissen von Max und Moritz. Über diese Preise entscheidet eine Jury aus Fachleuten und Journalisten, der auch NZ-Mitarbeiter Herbert Heinzelmann angehört. Er skizziert die neuesten Trends auf dem Comic-Markt.

Die Szene hat sich in den letzten Jahren total verwandelt. Einst erschienen Comics in Albenform, broschiert, mit einem Umfang von durchschnittlich 48 Seiten. Zwar gehörten die meisten Alben zu umfangreichen Serien. Doch diese Serien waren angenehm zu konsumieren, denn sie entsprachen traditionellen Gattungen der Unterhaltungsindustrie. Es gab Abenteuergeschichten, Krimis, Western, Komödien mit vermenschlichten Tieren, Science Fiction, Rückgriffe in die Geschichte, Horror-Stories und Romanzen.

Bei der vorletzten Erneuerungs-Woge des Comic-Mediums spielten gerade diese Romanzen in Form japanischer Mangas (Schulmädchen liebt geheimnisvollen Knaben) eine große Rolle. Und endlich wurden auch Mädchen zu Comic-Leserinnen.

Dicke Wälzer mit komplexen Geschichten

Nun aber werden die Comics zur E-Literatur. Sie befassen sich mit dem Leben, mit dem Alltag, mit der Seele, mit Freud und Leid der Nachbarn, mit Biografie und Autobiografie. Und sie fühlen sich in keiner Weise mehr an Formate gebunden. Es gibt winzige Hefte und riesige Bücher. Und es gibt zunehmend dicke Wälzer mit komplexen Geschichten. »Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens«, die autobiografisch gefärbte Erinnerung der deutschen Comic-Autorin Ulli Lust an eine düstere Italienreise als Punk-Girl, umfasst mehr als 450 Seiten und ist sowohl bild- wie textintensiv.

In diese Richtung arbeiten inzwischen europäische, amerikanische und sogar japanische Autoren. Auf dem Comic Salon vor zwei Jahren war der Begriff der »Graphic Novel« in aller Munde. Der graphische Roman – nun hat er sich tatsächlich durchgesetzt. Er ist kritisch, weltweise, voll Erfahrungen des Daseins. Er diskutiert und analysiert die Rituale unserer Beziehungen und Beziehungslügen – wie das Buch »Sonnenfinsternis« des französischen Duos Fane und Jim. Dabei greift er in den vollen Reichtum grafischer Formen.

Selbstverständlich gibt es auch noch klassische Comics mit ihrem traditionellen Genre-Rahmen. Helden mit Superkräften sind von der amerikanischen Szene nicht wegzudenken. Doch längst gibt es auch in den USA Autoren, die gerade diese Szene reflektieren und thematisieren. Ein schönes Beispiel dafür ist das Buch »Und wie wir träumten . . . von der Zukunft« von Brian Fies. Gehandelt wird von den Träumen jener Generation, die mit Sputnik und den Apollo-Astronauten den Weltraum eroberte – und deren Utopien von Comic-Heften begleitet und befeuert wurden.

Viele andere Preisbewerber sind ähnlich gelagert. Ein »opus magnum« ist auch dabei: »Alpha«, von dem deutschen Künstler Jens Harder. Eine Geschichte der kosmischen und terrestrischen Evolution, gespiegelt in den kulturellen Zeugnissen von Mythologie und Religion. Beim wichtigen französischen Comic-Festival in Angouleme ist dieser Band bereits mit dem »Prix de l’audace« ausgezeichnet worden.´

 

 

Nürnberger Zeitung:

http://www.nz-online.de/artikel.asp?art=1212152&kat=49

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