Macht die Provinz bunt und Lebendig - Comic Attack in Erfurt

Veröffentlicht auf von Bembelo

Nachdem der eilige Vater ja jetzt auch in Thürigen (dem Kernland der Protestation - also der Antichristen an sich) war,kann ich ja nur hoffen, dass er auch den Erfurter Comicladen besucht hat:

 

 

 

Schöne neue Text-Bild-Welt: Ein Besuch bei "Comic Attack“

 

 

 

Ein kurzer Schritt von Superman zu Proust - Thüringens einziges Fachgeschäft für Comics und Mangas in Erfurt.

Onkel Dagobert und seine schnatternde Verwandtschaft haben mich nie wirklich vom Hocker gerissen. Statt in Entenhausen habe ich mich auf dem Pferdehof festgelesen, wo Wendy und ihre Freundinnen durchs Leben ritten. Aber noch bevor ich diese Comics, die Asterix-Geschichten oder Tim und Struppi überhaupt lesen konnte, hatte ich Kontakt zu echten Superhelden: Hulk und Spiderman, Catwoman und Superman kamen am Wochenende früh morgens im Zeichentrickformat ins Wohnzimmer. Dass es außer ihnen noch die X-Men, Hellboy und Thor gab, habe ich erst bemerkt, seitdem es im Kino nur so vor Superhelden wimmelt. Woher kommen sie und warum scheint sie jeder zu kennen? Höchste Zeit, aufzuholen.

In Erfurt soll es, so der Tipp einer Kollegin, den einzigen Comic-Laden in Thüringen geben. "Inzwischen sind wir der einzige", bestätigt Ed das Monopol von "Comic Attack". Ed ist Filialleiter und heißt ganz korrekt Jan Ettingshausen, nur nennen ihn die wenigsten so. Nach den Anfängen in Weimar, wo die Kundschaft ausblieb, ist "Comic Attack" seit 2003 in Erfurt, erzählt der 35-Jährige. Die ersten Jahre teilten sie sich das Innenstadt-Pflaster noch mit dem "Comic Dealer", der dann aber sein Geschäft schloss. Tatsächlich lässt sich zwischen Eisenach und Greiz kein zweites Fachgeschäft für Comics, Graphic Novels und Mangas finden.

 

 

 

Der Laden ist nur wenige Schritte von der Predigerkirche in der Altstadt entfernt und liegt doch abseits der Touristenroute. An dem unsanierten Haus sitzt der schwarz-rote Schriftzug so hoch über den rot gerahmten Schaufenstern, dass man ihn fast nicht wahrnimmt. Und doch stehe ich nach nur drei Stufen inmitten dieser mir irgendwie bekannten, irgendwie fremden Welt. In einem langen Regal an der Wand liegen Cover an Cover die Comic-Neuerscheinungen, näher an der Kasse stehen die Taschenbuch-Mangas eng mit den Rücken nebeneinander. Ich blättere durch eines der Bücher und erinnere mich, dass ich auch diesen japanischen Comic-Stil vor allem als Fernsehadaption kenne. Heute spricht man überall von Anime, als Kind fand ich es seltsam: die weit aufgerissenen Augen und Münder, die Rasterfolien, die Schockstarre ausdrücken, die gestammelten Worte. Bis auf den Buchdeckel sind die Zeichnungen schwarzweiß. Vorrangig Mädchen kaufen die Mangas, erzählt Ed.

 

Roman als Comic

 

Oder junge Frauen: Ein paar Minuten später legt eine Kundin, die noch Schülerin oder schon Azubi sein könnte, ihren Stapel mit acht Büchern auf die Ladentheke - sie hat die Bände ganz gezielt aus dem Regal gezogen. Sie zählt zu den Stammkunden, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 35, umreißt Ed das Kunden-Profil. Und erwähnt noch, dass sich die Jungs eher für die klassischen Comics begeistern, die in grellen Farben, unglaublich düster und sehr kantig gezeichnet sind. Obwohl: Auch ich bin im Handumdrehen in der Geschichte drin, blättre einmal um und nochmal und klebe gierig an Bild und Text. "Zack!", Wa-ammm! und "Äächz!", das ist in etwa das Laut-Repertoire, wenn Superheld auf Schurke trifft.

Und doch ist der Laden nicht bloß einig Superhelden-Land. Ich entdecke Liedtexte von Bob Dylan, zu denen mehrere Zeichner romantische, traurige oder fabelhaft abstrakte Comics gemalt haben; "Persepolis", der als Zeichentrickfilm erst richtig bekannt wurde, von Marjane Satrapi über ihre Kindheit im Iran - und Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit." "Der Roman galt als unabbildbar", sagt Ed und erinnert sich an die Neukunden, als der erste Comic-Band von Stéphane Heuet im Herbst 2010 herauskam. Mit verschiedenfarbigen Textkästchen für die Zeitebenen, vor allem aber mit Stimmungsbildern, übersetzt der Zeichner Marcel Prousts monumentales Werk.

 

 Sortiment gehören aber auch die Graphic Novels, sozusagen gezeichnete Romane. "Vertraute Fremde" von Jiro Taniguchi liegt neben der Comic-Biografie von Anne Frank und New-York-Geschichten von Will Eisner, der den Begriff Graphic Novel einführte. Die Bilder in diesen Bänden wirken ernsthafter, in manchen scheint der Textanteil höher zu sein, und es fehlen die Sprechblasen. Aber die gibt es selbst in den Comics nicht mehr flächendeckend. Die Grenzen sind da fließend, sagt Ed und hat außerdem den Eindruck, dass die Branche mit dem Namen vor allem eine neue Marke etablieren will, um andere Kunden anzulocken: Comic klingt eben doch für viele noch nach "Kinderkram".

Andererseits sind Comics oder zumindest der Comic-Stoff heute so präsent wie nie zuvor. Erst Ende Juni traf sich die Szene wieder zum Comicfestival in München, das sich jährlich mit dem Comic Salon in Erlangen abwechselt. Die Superhelden von Marvel dienen ein ums andere Mal als Vorlage für bombastische Kinofilme, Rebekka Kricheldorf hat auf Basis der Superhelden für das Theaterhaus Jena gleich Drama, Film und Musical entwickelt, und literarische Genres erscheinen in Comic-Form. Der Deutsche Reinhard Kleist etwa hat eine Johnny Cash-Biography gezeichnet, der Japaner Kei Ishiyama zeichnet die Grimm-Märchen als Manga. An der Universität Erfurt wurde im Wintersemester 2008/09 die Vorlesung "Literatur - Schrift - Bild - Graphische Literatur" angeboten. Und die F.A.Z. hat für den Comic sogar einen Weblog eingerichtet, in dem Neuerscheinungen vorgestellt werden.

 

Selbst Goethes "Faust" gibt es als Comic. "Den letzten haben wir aber vor kurzem verkauft", ruft Eds Kollege Marcus Freier von der Kasse herüber. Er verschlingt wirklich alles, was an Comics auf dem Markt ist, versichert Ed. "Aber Bücher lese ich eigentlich nicht mehr, die liegen bei mir ewig in der Ecke", sagt der 24-jährige Student. "Ich brauche die schnelleren Comics, ein Bild pro Satz."

"Comic Attack" hat alle Comic-Serien im Angebot, die es auf dem deutschen Markt gibt. Etwa alle zwei Monate kommt eine neue Folge hinzu. Ralph Königs "Bewegter Mann", Asterix, die Simpsons und Tim und Struppi stehen außerdem in den Regalen, nur bei Kinder-Comics wie Mickey Maus verweist Ed an einen Buchladen.

 

 

Luxus pur

 

 

"Von ,From Hell' gab es mal eine Spezial-Ausgabe, in weißem Einband mit Lila", erinnert er sich auf einmal. "Da waren Weintrauben drauf, und der Band ist so dick", ergänzt Marcus und spreizt Daumen und Zeigefinger fast zehn Zentimeter. Ed: "Ist inzwischen aber vergriffen." - "Ich hab sie, 70 Euro hab ich bezahlt ." - "Wie, du hast die? Echt jetzt?"

Der Comic, und erst recht dessen Luxus-Ausgabe, genießt Kultstatus unter Fans und Kennern und verdient wohl am ehesten die Bezeichnung "Graphischer Roman". Er erzählt in Schwarz-Weiß-Bildern die Geschichte von der Jagd auf Jack the Ripper, Ende des 19. Jahrhunderts in London. "Das ist ein ganz schwerer Zeichenstil", sagt selbst Marcus. Denn nicht nur auf Farbe haben die Autoren, der Texter Alan Moore und der Zeichner Eddie Campbell, gänzlich verzichtet. In ihrem über 500-seitigen Mammutwerk, das im englischen Original zwischen 1991 und 1996 erschien, fehlen auch die für den Comic so typischen Lautmalereien. Und die Handlung, die ständig Seitenstränge spinnt und den Leser hinabzieht in Jacks grausame Gedankenwelt, macht das Ganze nicht leichter.

Kein Wunder, dass dieses gigantische Gruselbuch vergriffen ist. Aber gut, für mich tut's vorerst auch die einfache Ausgabe. Nur anfangen muss ich, aufholen, Comics lesen!

"Comic Attack", Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr, Paulstraße 9, Erfurt

 

 

 

Quelle :  www.tlz.de

 

 

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