Louvain-la-Neuve ist eine Reise wert !

Veröffentlicht auf von Bembelo

Für all' jene, die noch nicht in Louvain im Musée Hergé waren, hier ein schon etwas älterer Bericht aus der Frankfurter Rundschau.

 

Ich selbst kann es nur empfehlen, ins Hergé - Museum zu fahren. Selbst meine Frau, die normalerweise  Leidtragende meiner Comic-Leidenschaft ist und nur wenige meiner Schätze gelesen hat, war vom Museum in Louvain wirklich begeistert.

 

Hunderttausend Höllenhunde

Das Musée Hergé eröffnet in einem spektakulären Neubau des Pariser Architekten Christian de Portzamparc im belgischen Louvain-la- Neuve. Foto: Nicolas Borel
Von JENS BALZER

Endlich eine Heimstatt für Tim und Struppi: Das Musée Hergé eröffnet in einem spektakulären Neubau des Pariser Architekten Christian de Portzamparc im belgischen Louvain-la- Neuve.

Die erstaunlichste Museumseröffnung in diesem an Museumseröffnungen nicht eben armen Jahr findet am heutigen Dienstag im belgischen Louvain-la-Neuve statt. Um zehn Uhr öffnet dort das Musée Hergé seine Pforten, ein Haus, das sich ganz dem Schaffen des belgischen Comiczeichners Georges Rémi alias Hergé und seinen popmythologisch gewordenen Figuren widmet: dem pfiffigen Reporter Tintin (deutsch: Tim ), seinem Hund Struppi und ihrem Begleiter, dem ("Höllenhunde! Bahnhofspenner! Troglodyten!") ewig fluchenden Kapitän Haddock. In einem spektakulären Neubau des Pariser Architekten Christian de Portzamparc (dem Berliner Publikum als Schöpfer der französischen Botschaft am Pariser Platz bekannt) sind auf 2000 Quadratmetern Originalzeichnungen, Titelblätter, Erstdrucke und historisches Quellenmaterial zu sehen. Es ist das erste Museum in Europa, das einem Comic-Zeichner gewidmet ist - und das zweite überhaupt auf der Welt, nach dem 1994 in Osaka eröffneten Haus für den japanischen National-Comic-Künstler Osamu Tezuka.

Dreizehn Jahre lang gibt es dieses Projekt schon; die 17 Millionen Euro Erbauungskosten wurden ausschließlich privat aufgebracht: aus den Mitteln der Stiftung Hergé, in der Fanny Rodwell, die Witwe des 1983 verstorbenen Zeichners, dessen Erbe verwaltet. Weil sie in Brüssel nach eigenen Angaben kein geeignetes Grundstück finden konnte, hat Rodwell das Museum nun in Louvain-La-Neuve erbaut, einem 30 Kilometer südöstlich der Hauptstadt gelegenen Ort, der Anfang der 70er Jahre gemeinsam mit seiner zentral gelegenen katholischen Universität aus dem Boden gestampft wurde. Im Zuge des Sprachenstreits zwischen Wallonen und Flamen war es an der Universität in Löwen nicht länger möglich gewesen, Studenten beider Herkünfte zu unterrichten - darum baute man, um weiteren Streit zu vermeiden, den Wallonen kurzerhand eine neue Hochschule samt dazugehöriger Stadt.

In Louvain-la-Neuve - dem "neuen Löwen"- bildet das Musée Hergé nun jedenfalls das neue Stadtzentrum. Wie ein gerade gelandetes Raumschiff aus der technischen Wunderkammer des genialen Erfinders Professor Bienlein ragt es aus einem kleinen Wäldchen kühn über eine jenseits des Marktplatzes gelegene Mulde hinweg; Besucher erreichen das Gebäude zu Fuß über einen sehr langen Holzsteg (bei dem man natürlich sogleich an die dramatischen Abenteuer denkt, die Tim, Struppi und Kapitän Haddock auf den schwankenden Seilbrücken des Andengebirges in "Die Pyramide des Sonnengottes" erleben).

 

Den ganzen Hergé zeigen

Von vorne sieht das Musée Hergé wie ein entzwei gebrochener Kubus aus; in der Mitte fällt Licht durch einen verglasten Riss, während die Gebäudeflügel zu beiden Seiten abzurutschen scheinen. An der Stirnwand prangt eine riesenhaft vergrößerte Zeichnung von Tim; an den Seiten werden die Flügel durch große, kräftig verstrebte Fenster erhellt, die an Comic-Panels erinnern. Die Eingangshalle ist um eine schwarzweiß geflieste Säule zentriert, die die ikonische Mondrakete aus den "Tintin"-Alben "Reiseziel Mond" und "Schritte auf dem Mond" zitiert - nur dass diese im Original rotweiß und nicht schwarzweiß gemustert war. "Wir wollten, dass es an die Rakete erinnert, aber nicht allzu eindeutig nach Tintin aussieht", wird dem Besucher auf Nachfrage erläutert, "dies soll schließlich ein Hergé-Museum sein und kein Tim-und-Struppi-Museum".

Auf diesen feinen Unterschied legen die Initiatoren den größten Wert: Man wolle den "ganzen" Hergé zeigen, betont Fanny Rodwell ebenso wie der "Szenograph" der Schau, der niederländische Zeichner Joost Swarte, der in seinen eigenen Comics in den 80er Jahren die ohnehin schon sehr stilisierte Ästhetik Hergés noch weiter in die Abstraktion trieb und ihr in einer einflussreichen theoretischen Schrift rückwirkend den heute gängigen Namen verlieh: "Ligne Claire", die "klare Linie". Swarte hat den Ausstellungs-Parcours, der im dritten Stock des Gebäudes beginnt und sich dann in Kreisen nach unten bewegt, in acht Abteilungen gegliedert. In der ersten, der "biographischen" Kammer sieht man Originalzeichnungen Hergés von seinen Anfängen Mitte der 20er Jahre mit der in einem Pfadfindermagazin veröffentlichten Serie "Totor von der Maikäfersippe" über die klassischen "Tintin"-Stationen bis zum letzten, Fragment gebliebenen Werk "Tim und die Alpha-Kunst". In der Abteilung "Familie" werden die wichtigsten Figuren der "Tintin"-Welt vorgestellt: der schlaue Foxterrier Struppi, der seine anfangs noch ausgiebig gebrauchte Sprachbegabung verliert, als 1940 Tims späterer Gefährte Kapitän Haddock die Szenerie betritt; das famose Kriminalistenpaar Schulze und Schultze mit seinen fatalsten Fehlleistungen und skurrilsten "Undercover"-Investigationskostümen; schließlich die wunderbare Sopranistin Bianca Castafiore, deren legendäre Einspielung der Juwelenarie aus Gounods "Faust" ("Ha, welch Glück mich zu sehen, so schöööön") in einer seltenen Vinylpressung aus dem Jahr 1960 ausgestellt ist.

Breiter Raum wird auch weniger bekannten Werken gegeben, wie etwa dem Lausbubenstrip "Stups und Steppke", der sich mit seinem grotesk übertriebenen Bewegungshumor an Laurel und Hardy und anderen amerikanischen Slapstick-Künstlern der Stummfilmzeit orientiert; aber auch der Serie "Jo, Jette und Jocko", die die abenteuerlichen "Tintin"-Stoffe mit einem jugendlichen Geschwisterpaar und dessen Vater, einem Luftfahrt-Ingenieur, variiert: Die katholische Pariser Zeitschrift Coeurs Vaillants, die "Tintin" in den 30er-Jahren in Frankreich herausbrachte, bemängelte, dass ein Titelheld ohne Familie nicht ihren moralischen Ansprüchen genüge und forderte eine zweite, anständigere Serie.

Ein paar echte Trouvaillen gibt es zu sehen: so zwei Skizzenblätter zu dem niemals realisierten Album "Tintin et le Thermozéro", die Hergé zirka 1960 nach einem Szenario des "Achille Talon"-Autors Greg angefertigt hat. Am Verblüffendsten sind aber die Art-Deco- und Bauhaus-inspirierten Reklame-Plakate, die Hergé in den 30er-Jahren unter anderem für ein Brüsseler Kaufhaus oder den Badeort Knocke anfertigte. Gleichwohl: Wer die Schau zu Hergés 100. Geburtstag vor zwei Jahren im Centre Pompidou gesehen hat oder die großen deutschen Ausstellungen zum Thema, etwa 2001 im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover oder 1990 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, wird in der Sammlung wenig Neues entdecken.

Das ist aber auch gar nicht das Ziel des Museums: Es will Hergé einem möglichst breiten Publikum nahe bringen. Viele Gedanken hat man sich darüber gemacht, wie die Schau für "alle zwischen 7 und 77" - wie Hergé seine Leser zu beschreiben pflegte - gleichermaßen attraktiv werden kann; so sind die Vitrinen mit den schräg aufgebahrten Originalen darin sowohl von oben wie von der Seite, sowohl aus Erwachsenen- wie aus Kinderperspektive zu sehen.

Drama der Erstarrung

Doch bei aller Sympathie, die man für dieses Vorhaben sogleich entwickelt: Im Wunsch, mit größtmöglicher Fülle zu faszinieren, fehlt den Initiatoren gelegentlich der Blick für die Details. Faszinierend ist etwa, wie frei, skizzenhaft und immer "unklarer" Hergés Strich gegen Ende seines Lebens hin wurde - von der manischen Kontrolliertheit, die seinen ersten Comics eignet, war hier nichts mehr zu sehen. Die typische "klare Linie" wurde in den späten "Tintin"-Alben erst durch die geometrisierenden Tuschzeichnungen der Assistenten im Studio Hergé erzeugt. Doch von der Dramatik, die in dieser nachträglichen Erstarrung höchst vitaler Bleistiftzeichnungen steckt, erhält man im Museum kaum einen Eindruck.

Vor allem aber erahnt der Betrachter kaum etwas von dem ungeheuren Einfluss, den Hergé auf spätere Generationen vom Comic-Zeichnern immer noch ausübt, von der "Nouvelle Ligne Claire" um Joost Swarte in den 70er- und 80er-Jahren bis zum "Nouvelle Bande Dessinée" der Gegenwart mit Zeichnern wie Lewis Trondheim, Joann Sfar oder Manu Larcenet. Die Ausstellung endet mit einer schreinhaften Kammer, in der man Hergé neben Personen der Zeitgeschichte wie Charles de Gaulle oder dem "Tim in Tibet"-lesenden Dalai Lama sieht; es gibt lobende Künstlerzitate von Alain Resnais bis Balthus zu sehen und drei Warhol-Gemälde mit dem Konterfei des Comic-Meisters. Einen Weg in die Gegenwart und in die Zukunft sieht man aus dieser Kammer nicht. So zeigt das Museum, das den "ganzen" Hergé zeigen will, eben doch nicht mehr als die Ganzheit eines beendeten Lebens. Aus Hergé - und mit ihm aus der Popkultur des 20. Jahrhunderts - ist hier ein Museumsstück geworden.

Zur Person

 

 

Georges Rémi (1907- 1983) alias Hergé wurde mit seiner erstmals 1929 erschienenen "Tintin"-Serie (deutsch: "Tim und Struppi"), zum Vater der europäischen Comic-Kultur.

Das jetzt eröffnete, seinem künstlerischen Gesamtwerk gewidmete Musée Hergé liegt im belgischen Louvain-la- Neuve. www.museeherge.com

 

Der Artikel erschien im Juni 2009 in der Frankfurter Rundschau und wurde von deren Website aus dem Netz gefischt !

Veröffentlicht in Ausstellungen u.ä.

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