Interview zum Thema "Comics im Buchhandel"

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Comics im Buchhandel

Ralf Keiser, Programmleiter Comic beim Carlsen Verlag, spricht über aktuelle Trends bei Comics.


Welche Trends gibt es Ihrer Meinung nach derzeit bei Comics?
Im Moment heißt der Trend Graphic Novel. Über das Format und die Bücher in diesem Bereich wird unglaublich viel geschrieben und nachgefragt. Und tatsächlich werden auch immer mehr Buchhändler auf Graphic Novels aufmerksam und bieten diese dann in ihrem Sortiment an. Das ist sicher das Auffälligste, was zurzeit passiert.

Graphic Novels gibt es aber doch schon länger?
Ja, Graphic Novels gibt es schon länger und sie sind letztendlich nichts anderes als Comics. Aber genau, wie man im Buchbereich versucht, mit verschiedenen Begriffen durch die riesige Anzahl von Neuerscheinungen zu schneiden, haben wir das jetzt auch bei Graphic Novels probiert. So wie wir das verstehen, richten sich Graphic Novels eher an ein erwachsenes Publikum und sind Comicromane, die sich von Fortsetzungsgeschichten, und vor allen Dingen vom klassischen Albumformat mit 48 oder 64 Seiten, unterscheiden - sowohl in den Themen als auch im Format und in der Produktionsweise.

Wie unterscheiden sich Graphic Novels von klassischen Comics hinsichtlich der Themen?
Zumindest wir bei Carlsen veröffentlichen in diesem Segment so gut wie keine Titel, die etwas mit Fantasy oder Science Fiction oder Ähnlichem zu tun haben. Diese Genres, die ja viele Leute mit dem klassischen Comicalbum verbinden, halten wir völlig raus. Wir konzentrieren uns auf andere Themen: Wir haben zum Beispiel biographische Geschichten und historische Stoffe im Programm, aber auch Alltagsgeschichten aus verschiedenen Ländern und kulturellen Zusammenhängen. So versteht Carlsen Graphic Novels - das ist aber keine geschützte Kategorie. Allerdings glaube ich, dass die meisten Verlage, die Graphic Novels publizieren, den Begriff ähnlich verstehen.

Und welches Format wählen Sie für Graphic Novels?
Wir sind mittlerweile dazu übergangen, fast alles im Hardcover zu machen. Es gibt noch einige Softcover oder Klappenbroschuren, aber der Trend geht zum Hardcover, das kommt „wertiger“ daher. Und obwohl dieses System im Comicbereich noch nicht wirklich verbreitet ist, könnte es in Zukunft natürlich einmal sein, dass sich die Möglichkeit von Zweitverwertungen im Taschenbuch ergibt. Das würden wir uns gerne offen halten. Ganz generell haben wir das Format 17 cm breit mal 24 cm hoch gewählt, das ist unser Standardformat. Es ist drucktechnisch gut zu verarbeiten und es passt auch ganz gut für Lizenztitel, die man möglicherweise verkleinern muss. Da muss man ja immer auf die Seitenrelation achten.

Wie viele Lizenztitel haben Sie im Programm?
Ganz generell haben wir – einschließlich der Graphic Novels - ungefähr 70% bis 80% Lizenztitel im Programm. Wir möchten allerdings auch die Eigenproduktionen weiter ausbauen. Dabei muss man natürlich zusehen, dass man genug gute Künstler hat, die das entsprechende Material liefern. Und es ist auch immer etwas aufwändiger, eine Eigenproduktion zu betreuen. Für die nächsten Jahre haben wir es uns aber vorgenommen.

Wie viele ComickünstlerInnen gibt es denn auf dem deutschen Markt?
Es gibt eine ganze Reihe von professionellen Comickünstlern, die schon etwas länger am Markt sind, zum Beispiel Isabel Kreitz, die bei uns zeichnet, oder auch Reinhard Kleist. Es gibt aber auch ein paar Jüngere wie Marvil oder Sascha Hommer, die meistens bei kleineren Verlagen sind. Es ist nicht so, dass die guten Leute auf der Straße liegen, aber es gibt welche und es gibt tatsächlich auch Nachwuchs.

In Frankreich beispielsweise gibt es ja besonders viele ComicleserInnen. Wie sieht es in Deutschland aus?
Man kann hier bestimmt nicht von einem Massenmarkt sprechen. In Frankreich ist der Markt immer noch ungleich größer. Allerdings hängt das auch ein bisschen vom Comictyp ab. Wenn ich nur das Segment Graphic Novel nehme, sehe ich auf jeden Fall auch im deutschsprachigen Raum Potenzial. Es handelt sich zwar im Moment noch um ein relativ kleines Segment, aber es ist in den letzten zwei Jahren ziemlich stark gewachsen. Die klassischen Comicalben mit vielen Fantasy- und Science-Fictiontiteln, die ebenfalls hauptsächlich aus Frankreich kommen, bilden hier eher einen Nischenmarkt und das wird wahrscheinlich auch so bleiben. Und dann gibt es noch das große Feld mit Serien wie Peanuts, Calvin und Hobbes, sicher auch Tim und Struppi bei uns oder Asterix bei Ehapa. Damit erreicht man natürlich wesentlich mehr Leser. Da sind aber auch viele Menschen dabei, die von sich nicht unbedingt sagen würden: Ich bin ein Comicleser. Die sagen dann eher: Ich bin Asterix- oder ich bin Tim-und-Struppi-Leser. Da ist es für uns natürlich wichtig, diesen Leuten zu zeigen, dass es noch mehr gibt und sie dafür zu interessieren, was es sonst noch in unserem Programm gibt.

Welche Comics haben Sie denn in Ihrem Programm?
Bei Comics und Graphic Novels liegen wir bei ungefähr 50 Neuheiten im Jahr. Das ist relativ überschaubar. Ungefähr sechs bis acht davon sind Graphic Novels. Dann gibt es ungefähr 20 bis 25 klassische Comicalben und knapp 20 andere Titel. Tim und Struppi ist dabei der größte und auch der umsatzträchtigste Bereich. Mit Tim und Struppi sprechen wir die meisten Leute – auch verschiedener Generationen - an. Manganeuheiten gibt es mehr als doppelt so viele im Jahr.

Die Herstellung von Comics ist vermutlich eher aufwändig?
Ja, sie ist eher mit dem Bilderbuch als mit einem normalen Buch vergleichbar. Viele Comics sind aber erheblich dicker als Bilderbücher. Wenn man beispielsweise ein über 100seitiges Werk in Farbe hat, ist die Produktion sehr teurer. Und man muss natürlich auf jeder Seite auf die möglichst gelungene Einheit von Schrift und Bild achten. Das heißt, jede Seite ist wieder für sich eine Art Einzelkunstwerk, die viel Detailarbeit mit sich bringt und Zeit kostet. Und auch das Zeichnen selbst ist, je nach Stil, mehr oder minder aufwändig. Es kann schon einmal sein, dass ein Künstler mit einer größeren Graphic Novel mehrere Jahre beschäftigt ist. Isabel Kreitz hat an ihrem 240-Seiten starken Buch Die Sache mit Sorge, einem historischen Stoff in Schwarz-Weiß, gut zwei Jahre lang gearbeitet. Das ist dann schon relativ aufwändig.

Gemeinsam mit fünf anderen Verlagen setzt sich der Carlsen Verlag mit einer Informationsbroschüre und Stickern dafür ein, Graphic Novels nun auch einer breiteren Öffentlichkeit  bekannt zu machen. Was wird damit bezweckt?
Wir versuchen damit, stärker die Brücke zu den Buchlesern zu schlagen. Es ist natürlich auch ein Marketinginstrument und eine Entscheidungshilfe, sowohl für die Buchhändler, als auch für die Kunden. Wir wollen signalisieren: Hier verbirgt sich etwas dahinter, was euch interessieren könnte. Dieses Konzept spricht ein gebildeteres Publikum an, das bereit ist, für Bücher, Comics und Papierprodukte etwas mehr Geld auf den Tisch zu legen. Einige dieser Bücher sind ja nicht ganz billig.

Und wie geht der Buchhandel darauf ein?
Eigentlich ganz gut. Wir haben schon die zweite oder dritte Auflage von diesen Flyern gemacht und sie fließen wirklich regelmäßig ab. Zum Teil werden sie Auslieferungen beigelegt, man kann sie aber auch so bestellen oder über die Vertreter nachfragen. Und sie werden von allen beteiligten Verlagen entsprechend gestreut. Es soll ja auch eine kleine Handreichung für Leute sein, die sich fragen, was Graphic Novels eigentlich genau sind. Immer wieder gibt es Leser, die den Begriff zwar einmal gehört haben, aber nicht direkt etwas damit verbinden können.

Woran liegt es eigentlich, dass Comics im Buchhandel immer noch unterrepräsentiert sind?
Ich denke, dafür gibt es mehrere Ursachen. Das Comicgeschäft im deutschsprachigen Raum ist  besonders in den 90er Jahren enorm zurückgegangen. In dieser Zeit wurden sehr viele Comicregale geräumt und der Platz anderweitig genutzt. Einige Buchhandlungen hatten außer Tim und Struppi oder ein oder zwei größeren Serien fast nichts mehr im Sortiment. Erst seit Anfang der 2000er Jahre gibt es leichte Erholungstendenzen. Und jetzt ist es immer noch relativ schwierig, überhaupt wieder in die Buchhandlungen hineinzukommen. Einige Bücher passen auch aufgrund ihres Formats nicht in die Regale – das sind dann zum Teil ganz simple Gründe, wieso Comics im Sortiment nicht zu finden sind. Und schließlich haben viele Händler den Anspruch, dass sich ihre Ware möglichst schnell dreht. Diesem Anspruch entsprechen manche Nischenprojekte aber sicher nicht. Wenn man sich mit Nischenbereichen beschäftigt, dann muss man Buchhändler vor Ort haben, die sich auskennen und die einen vernünftig beraten können. Sonst kann man diese Art von Käufern einfach nicht halten. Dafür ist das Segment dann vielleicht doch zu klein und der Aufwand zu groß. Von daher sind wir eigentlich immer wieder froh, wenn eine Buchhandlung im größeren Stil Comics ins Sortiment nimmt. Tim und Struppi oder Die Peanuts können da helfen. Ich denke, die Vorbehalte gegenüber Comics sind nicht mehr so groß, wie das vielleicht noch vor zehn oder 15 Jahren der Fall gewesen ist. Verschwunden sind sie aber auch noch nicht.

Wie vertreiben Sie die Comics? Nur über den Buchhandel oder auch über Websites oder Kioske?
Viel geht auf jeden Fall über das Sortiment und dann gibt es ja noch die Comicfachhändler. Davon existieren aber in Deutschland nicht mehr viele, vielleicht um die 200, wenn man wirklich alle mitzählt, und in Österreich gibt es, soweit ich weiß, sowieso nur eine Handvoll. Comicfachhändler sind damit immer noch ein wichtiger Kanal, aber für das Gros ist auch das Sortiment sehr wichtig. Das Kioskgeschäft nutzen wir gar nicht mehr. Das Internet – auch unsere eigene Website - ist hingegen ein wichtiger Absatzweg für Comics. Das hat sicher auch damit zu tun, dass es mitunter schwer ist, in Buchhandlungen die entsprechenden Comics überhaupt zu finden. Da ist es oft einfacher, die Titel direkt über das Internet zu bestellen.

Wie wichtig sind Nonbooks, also Figuren oder Accessoires, um den Comicverkauf im Buchhandel zu unterstützen?
Carlsen bietet weder im Comic- noch im Mangabereich Nonbooks an. Wir haben zwar ein oder zwei Versuche gestartet, aber das war nicht zielführend. Einige Kleinverlage bieten Bundles aus Comics plus Figur an, und in Frankreich oder in den USA werden natürlich sehr viele Produkte in diesem Bereich angeboten. Das ist aber doch eher etwas für spezialisierte Händler. Im breiten Buchhandel kann man diese Produkte nur schwer vernünftig platzieren. Und dafür, dass sich viele Serien an ein sehr spezielles Publikum richten, nehmen diese Bundles relativ viel Platz weg. Es gibt aber Comichändler, die diese Nonbookartikel, zum Beispiel von den Simpsons, durchaus nutzen, um Kunden in den Laden zu locken. Das sind allerdings spezialisierte Händler, die sich auf das Comicumfeld konzentrieren und damit ein ganz gutes Geschäft machen. Im normalen Buchhandel sind solche Artikel nicht wirklich gut zu händeln.

Verstehe ich es richtig, dass es derzeit Ihre größte Priorität ist, den Buchhandel verstärkt auf den Comic einzustellen?
Ja, absolut. Der Fachhandel, wo er noch existiert, nimmt uns nach wie vor ein sehr breites Spektrum unseres Programms ab. Aber der Buchhandel ist in der Tat der Ort, wo man noch Chancen hat. Das ist ein mühseliges Geschäft, das muss man ganz klar sagen, und es erfordert einen langen Atem. Aber wir versuchen es immer wieder.



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