Hau die Bässe rein, Bruno - Baru

Veröffentlicht auf von Bembelo

In der Neuen Züricher Zeitung vom 26. August 2011 erschein diese Rezension:

 

 

Fussballer, Gangster, Rentner
Der neue Comic «Hau die Bässe rein, Bruno!» des Zeichners und Autors Hervé Baru

 

Baru erinnert in seinen neuen Comics an die klassischen französischen Gangsterfilme. (Bild: Edition 52)

 

von Christian Gasser ⋅
Kaum aus dem Knast entlassen, plant Zinedine, ein kleinkalibriger und von intellektuell ebenfalls unterbelichteten Kumpanen umgebener Vorstadt-Gangster, seinen nächsten grossen Coup: einen Überfall auf einen Geldtransporter. Weil dies seine Bande überfordern würde, sucht er die Unterstützung von drei erfahrenen italienischstämmigen Altgaunern. Diese Ganoven im Ruhestand, die längst zu geachteten Mitgliedern der kleinstädtischen Gesellschaft mutiert sind (der eine hat's sogar zum Bürgermeister und zum Präsidenten des lokalen Fussballvereins gebracht), können dem Lockruf des Gelds und vor allem des nervenkitzelnden Abenteuers nicht widerstehen. Und da gibt es noch Slimane, ein Fussballtalent aus Afrika. Slimane wandert illegal in Frankreich ein und versucht als Taglöhner zu überleben.

Ergraute Tolle
Diese Ingredienzen – und vor allem die starken Charaktere – verknüpft Baru, der Realist mit dem freien, expressiven Strich, geschickt zu einer überaus süffigen Komödie. Dabei bleibt der 1947 als Sohn italienischer Einwanderer im früheren Minengebiet Lothringen geborene Hervé Baru sich und seinen Themen treu. Seit seinen Anfängen in den späten siebziger Jahren setzt er sich mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinander, mit Immigration und Rassismus, Unterschicht und Unterwelt, gesellschaftlichen Auf- und Abstiegen.

«Deshalb wurde ich überhaupt Comic-Autor», erinnerte sich der ehemalige Sportlehrer, der seine ergraute Rock'n'Roll-Tolle und seine Lederjacke bis heute mit Würde trägt. «Weil es kaum Comics gab, die mich interessierten, habe ich mir das Zeichnen beigebracht, um ebendiese Geschichten zu erzählen.» Realistische Geschichten. Er wolle, sagt er auch, «über meine Epoche und Umgebung berichten». Deshalb siedelt er seine Comic-Romane mit Vorliebe im nordfranzösischen Bergarbeitermilieu an, und die meisten seiner Figuren haben wie er ausländische Wurzeln, ihre Vorfahren sind aus Polen, Nordafrika oder Italien eingewandert. In seinen frühen Alben wie «Quéquette Blues» und «Roulez Camarade» blickte Baru gerne zurück und schilderte sein Aufwachsen im Nancy der fünfziger und sechziger Jahre, als die Welt der Minen noch in Ordnung war.

Doch spiegelte sich in diesem Kaleidoskop aus Autobiografie, Zeitgeschichte und Nostalgie immer die Gegenwart, und diese drängte sich im Lauf der Jahre immer mehr in den Mittelpunkt seiner Arbeit, am deutlichsten in seinem Meisterwerk «L'autoroute du soleil», einer wilden, 430 Seiten langen und rasanten Irrfahrt auf Frankreichs berühmtester Autobahn, die den Norden mit dem Süden verbindet und auf der uns Baru tief ins dunkle Herz des heutigen Frankreich führte.

Bei allem gesellschaftlichen und politischen Bewusstsein ist Baru in erster Linie einer der ganz grossen realistischen Comic-Erzähler der Gegenwart. Folgerichtig und völlig unumstritten wurde er 2010 mit dem Grossen Preis der Stadt Angoulême, der höchsten französischen Auszeichnung für einen Comic-Autor, ausgezeichnet. Denn Baru schafft es immer wieder, auch komplexe gesellschaftliche Themen zu spannenden und immer unterhaltsamen Geschichten zu verdichten und sie auch zeichnerisch gekonnt umzusetzen. Obschon ein realistischer Zeichner, nimmt er sich die Freiheit, die Expressivität des Mienenspiels und der Gestik seiner Figuren bis hart an die Grenze zur Karikatur zu treiben, und verleiht so dem Geschehen auf dem Papier einen mitreissenden Schwung.

Schlitzohriger Humor
Im Vergleich zu «L'autoroute du soleil» oder dem Boxer-Epos «Wut im Bauch» ist «Hau die Bässe rein, Bruno!» ein vergleichsweise kleiner Baru, wobei «klein» keineswegs abwertend zu verstehen ist, sondern sich lediglich auf den inhaltlichen Anspruch bezieht. Statt ein soziales oder politisches Drama ins Zentrum zu stellen, nutzt Baru zeitgenössische Problematiken wie Immigration, Ausbeutung, Kriminalität und Rassismus, um eine süffige Komödie zu erzählen, die sich von seinen früheren Comics vor allem durch ihren schlitzohrigen Humor und auch durch einen geradezu überraschenden Sinn für komisches Timing unterscheidet und auszeichnet.

Dass man sich dabei immer wieder an die klassischen französischen Gangsterfilme der sechziger und siebziger Jahre erinnert fühlt, ist kein Zufall – «Hau die Bässe rein, Bruno!» ist nicht zuletzt auch eine Hommage an all die Filme, die Baru zum Lachen gebracht haben. Ganz in diesem Geist ist sein neu auf Deutsch erschienener Band eine Geschichte voll Verwicklungen und Brüche, in der alles (oder zumindest das meiste) schiefgeht, was schiefgehen kann. «Aber wir haben uns gut amüsiert, was?», fasst einer der alten Ganoven das Abenteuer zusammen. Und die anderen brechen in Gelächter aus. Der Leser auch – vor allem wurde er bestens unterhalten.

Baru: Hau die Bässe rein, Bruno! Edition 52. 128 S., Softcover, farbig. € 22.– / etwa Fr. 32.–.

 

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