Ex oriente pix

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Bilder und Zeichen


Ex oriente pix

 

Die «Aufzeichnungen aus Birma» des Kanadiers Guy Delisle sind das jüngste Produkt eines vielfältigen Genres: Westliche Doku-Comics berichten aus dem unbekannten Osten – aus Pjöngjang und Persepolis, aus Afghanistan, Palästina oder China

Eines Morgens erzittert die stille Stadt plötzlich unter gewaltigem Motorenlärm. Eine endlose Schlange aus Lastkraftwagen windet sich aus dem Regierungsviertel heraus. «Die Hauptstadt wird verlegt!», heißt es am Abend in einem Kommuniqué, und zwar ein paar hundert Kilometer weit nach Norden. Sämtliche Ministerien und Institutionen werden über Nacht dorthin umgesiedelt; sämtliche Regierungsgebäude werden dort neu aufgebaut. Eine Vorankündigung gab es nicht. Nur 24 Stunden bleiben dem Heer der Regierungsbeamten, um Abschied von den Familien zu nehmen und sich am neuen Wohnort häuslich einzurichten – einer entlegenen Wüstenei, die von giftigen Tieren nur so wimmelt. Wie die neue Hauptstadt heißen wird? Ein Staatsgeheimnis. Was die Beweggründe sind? Ein Staatsgeheimnis. Vielleicht liegt es daran, dass die alte Hauptstadt Rangoon im Radius feindlicher Langstreckenraketen lag. Vielleicht ist es aber auch – so ein anderes Gerücht, das in der Bevölkerung kursiert – eine Weissagung des Hof-Astrologen gewesen, die die regierende Militär-Junta von Myanmar zu diesem Schritt veranlasst hat.

Myanmar: So heißt seit 1989 das frühere Birma, der 50-Millionen-Einwohner-Staat zwischen Indien, China und Thailand. Bis 1948 gehörte Birma zu Britisch-Indien; nach der Unabhängigkeit versank es in Chaos und Bürgerkrieg. Seit 1962 herrscht dort eine brutale Militär­regierung, die das Land von der Außenwelt isoliert und in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat. Die bitterarme Bevölkerung leidet unter der bizarren Willkür der Generäle und der allgegenwärtigen Polizei-Überwachung. Zwar hat man in den letzten Jahren – unter dem Druck der ökonomischen Krise und eines amerikanischen Handelsembargos  – wieder mehr Touristen ins Land gelassen; sie werden auf detailliert vorgeschriebenen Routen zu den Sehenswürdigkeiten geleitet. Journalistische  Berichterstattung ist jedoch unerwünscht. Und nach dem Wirbelsturm Nargis, der im Frühjahr 2008 die südlichen Provinzen verheerte, duldeten die Generäle lange Zeit gar keine Reporter oder Hilfsorganisationen mehr.

 

Mehr Platz für die Orden auf der Brust

Umso aufregender sind die «Aufzeichnungen aus Birma», die der Franko-Kanadier Guy Delisle nun vorlegt. Er hat 2005 elf Monate dort verbracht – als Begleiter seiner Frau, die für die Organisation «Ärzte ohne Grenzen» Kranken­häuser in den «verbotenen Zonen» im Norden des Landes betreut. Delisle selbst, der 1966 geborene Comic- und Trick­filmzeichner, durfte nicht dorthin reisen; erst am Ende des Jahres gelang es ihm, sich im Tross der Ärzte in eins dieser Gebiete zu schmuggeln. Auch die humanitären Helfer müssen immer wieder von Neuem um ihre Visa kämpfen. Das Regime schikaniert sie, wo es nur kann. Und das, obwohl – oder gerade weil – die Menschen in den entlegenen Nordregionen medizinische Versorgung dringend nötig haben: In dieser Hochburg des Opium-Anbaus scheint die gesamte Bevölkerung aus Heroin-Abhängigen zu bestehen. 40 Prozent, so eine Schätzung von «Ärzte ohne Grenzen», sind HIV-positiv.

 

 

 

Delisles «Aufzeichnungen aus Birma» berichten von der Normalität des Alltags im Polizeistaat: von der Angst der Menschen, ihre Meinung zu sagen; vom Heer der Zensoren, die jedes Presseerzeugnis auf unerwünschte Passagen hin filzen; von den unvorhersehbaren Entschei­dungen der Regierung. Gelegentlich findet er sogar Anzei­chen für eine Öffnung des Landes, doch diese verschwinden schnell auch wieder. Bei seinen ersten Streifzügen stößt Delisle auf gut sortierte DVD-Händler, bei denen man die neuesten amerikanischen und japanischen Filme als Raubkopien erhält – bis sie von der Regierung plötzlich über Nacht, ohne Vorwarnung oder Begründung, geschlossen werden. Er findet Läden, in denen sich die wohlhabendere Jugend mit rebellisch wirkenden T-Shirts ausstatten kann: mit dem Konterfei von Che Guevara oder, besonders beliebt, dem Hakenkreuz, aber auch mit Logos von amerikanischen Rockbands wie Metallica oder Sonic Youth, deren Musik in Birma offiziell freilich niemand zu hören bekommt. Modisch interessant findet Delisle auch das Auftreten der Generäle: Sie kleiden sich wie normale Soldaten – nur die Brusttaschen am Hemd sitzen etwas tiefer, damit die prächtigen Ordensspangen darüber genügend Platz haben.

 

 

 

In solchen kleinen, präzisen Bildern von der Willkür und Lächerlichkeit der Unterdrückung bewährt sich Delisles geschulter Blick. «Birma» ist bereits sein drittes Reisetagebuch in Comic-Form. Zuvor hat er von seinen Erlebnissen in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen und der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang berichtet. In China wie in Nordkorea arbeitete er als «Animation Supervisor»: Er leitete Gruppen von einheimischen Trickfilmzeichnern, die als billige Zulieferkräfte für französische Fernseh-Cartoons eingesetzt werden. Der Comic zeigt, wie in einem monumentalen Hochhaus in der gespenstisch entleerten Innenstadt von Pjöngjang hermetisch voneinander abgeschirmte Teams an einem drolligen Trickfilm mit Bärchen und Hasen zeichnen – oder an der Fernsehadaption des Comic-Klassikers «Corto Maltese». Keiner dieser Zeichen-Rekruten hat auch nur den geringsten Bezug zu den Figuren, die er hier zum Leben erweckt. Und kaum ein europäischer Fernsehzuschauer weiß, unter welchen Bedingungen die heiteren Filmchen entstehen, an denen sich der Nachwuchs im Fernsehen erfreut. «Und alles nur», wie Delisle sarkastisch bemerkt, «damit kapitalistische Eltern bis in die Puppen schlafen können, während ihre Kinder vor der Glotze hängen».

 

Tim und Struppi waren die ersten Weltreisenden

Guy Delisle ist nicht der erste Zeichner, der den Comic zum Medium eines Reiseberichts macht. Gerade in französischer Sprache hat dieses Genre eine lange Tradition. Schon der allererste Held der Bandes Dessinées war vor achtzig Jahren als reisender Reporter beschäftigt: Tintin, zu Deutsch Tim, wurde von seinem Erfinder Hergé im Januar 1929 auf seine erste Recherchefahrt in die Sowjet­union geschickt. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang, bis zu Hergés Tod im Jahr 1984, bereiste er fortan mit seinem Hund Struppi Kontinente und Weltmeere. Dabei ging es stets um mehr als nur um Exotik; auf die realistische Schilderung seiner Schauplätze, der politischen und historischen Hintergründe legte Hergé größten Wert. Wie sehr sich Guy Delisle zu diesem Vorbild bekennt, lässt sich daran ablesen, dass er in seinen China-Comic «Shen­zhen» immer wieder Reminiszenzen an das erste China-Abenteuer von Tim und Struppi, «Der blaue Lotus» (1934), eingebaut hat.

 

 

 

 

In den USA dauerte es hingegen bis zur Underground-Comix-Revolte in den sechziger Jahren, bis sich der Comic vom weltabgewandten Eskapismus der Superhelden zu lösen vermochte. Im Underground wurden die Comics politisch – wobei das Politische zunächst das Private war. Zeichner wie Robert Crumb versahen ihre Geschichten mit autobiografischen Themen und berichteten von ihren sexuellen Fantasien und Drogenerfahrungen. Es war vor allem Art Spiegelman, der, ebenfalls seit den sechziger Jahren, aus der autobiografischen Alltagsschilderung zu großen historischen Themen fand: In «MAUS» schildert Spiegelman den Leidensweg seiner Eltern durch die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Dabei zeigt der Autor sich immer wieder selbst mit im Bild, in den Auseinandersetzungen mit seinem Vater, beim Versuch, das Familientrauma als eigenes Trauma zu überwinden.
 

«Glauben die den Schwachsinn wirklich?»

Diese Paarung von Ich-Perspektive und historisch-politischem Realismus prägt die erstaunliche Vielzahl an dokumentarischen Comics, die in den letzten Jahren entstanden sind, in den USA wie in Europa. Man findet sie in den journalistischen Comics des US-amerikanischen Zeichners Joe Sacco, der in den neunziger Jahren dramatische Reisegeschichten aus den post-jugoslawischen Bürgerkriegsgebieten verfasste («Safe Area Gorazde») und immer wieder aus dem Gaza-Streifen und anderen Zonen des Nahostkonflikts berichtete («Palästina»). Man findet sie aber auch in der dreibändigen Afghanistan-Reportage, die Didier Lefèvre und Emmanuel Guibert unter dem Titel «Der Fotograf» veröffentlicht haben. Darin erinnert sich Lefèvre an die Reisen, die er in den achtziger Jahren als Foto-Reporter ins afghanische Krisengebiet unternahm. Wie Guy Delisle war auch er mit der Organisation «Ärzte ohne Grenzen» unterwegs und berichtete aus dem Krieg zwischen der Sowjetunion und den Mudschaheddin. Der Comiczeichner Guibert hat Lefèvres Geschichte illustriert und dessen fotografische Dokumente neben die Comic-Bilder gestellt: Auch diese Autoren verschränken individuelles Erleben und politische Dokumentation, und zwar, indem sie «realistische» und «stilisierte» Erinnerungsbilder montieren.

 

Am eindrucksvollsten findet sich die Verbindung von Politischem und Privatem aber zweifellos in den autobiografischen Geschichten der im Iran geborenen, heute in Frankreich lebenden Zeichnerin Marjane Satrapi. In «Persepolis» – einem der meistbeachteten Comics der vergangenen Jahre, dessen Verfilmung in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde – schildert sie ihre Kindheit und Pubertät unter dem Regime der Mullahs. Nach dem Iran-Irak-Krieg wird sie von ihren Eltern ins Exil nach Österreich und Deutschland geschickt. Später kehrt sie voller Heimweh in den Iran zurück – um als junge Frau ein zweites Mal, und nun für immer, zu gehen.

 

«Persepolis» erschien ursprünglich im Pariser Verlag L’Association, ebenso wie «Beyrouth: Juillet-août 2006», ein Comic-Tagebuch, das der libanesische Musiker und Zeichner Mazen Kerbaj während der israelischen Raketenangriffe auf seine Heimatstadt verfasste. Auch die ersten Comics von Guy Delisle kamen im Original bei L’Association heraus. Ähnlich wie der Stil von Marjane Satrapi erinnert Delisles reduzierter Strich an die klassische, von Hergé geprägte ligne claire, ohne jedoch deren Hang zum Geometrischen, visuell Formelhaften zu übernehmen. Vielmehr ändert sich bei ihm stets das Ausmaß der Stilisierung: Je rätselhafter, je unausdeutbarer die Situationen und Gesprächspartner erscheinen, desto stärker wird auch die grafische Ambivalenz. Die karikaturhaft verknappte Form nutzt Delisle, um die verschiedenen Formen des Nicht- und Missverstehens in Szene zu setzen. Am besten passt diese Bildsprache auf die undurchdringliche Welt Nordkoreas.

 

 

Denn dort gelingt es dem Beobachter niemals, hinter die Fassaden seiner Mitarbeiter und Betreuer zu sehen. «Glauben die den Schwachsinn wirklich, den ‹der große Führer› ihnen weismachen will?» Darauf findet Delisle bis zuletzt keine Antwort.

 

In Birma ist die Antwort einfacher: Die Menschen glauben «den Schwachsinn» nicht. Die Generäle geben sich in vielen Fällen gar nicht erst Mühe, ihre Willkürhandlungen zu begründen. In seinem neuen Comic wirkt Delisles Strich etwas aufgehellter, freundlicher als in den vorherigen Alben – bis ans Ende des Bandes, als er sich doch entschließt, ohne Visum in die verbotenen Zonen im Norden zu fahren: eine Reise ins Herz der Finsternis, bei der dem Leser der Atem stockt. Erlösung findet der Zeichner nur in einem buddhistischen Kloster. Und so zeigt sich am Ende: Die seltsame Gelassenheit, mit der Delisle vom Alltag in der Militärdiktatur berichtet, gründet in einer religiösen Erfahrung, die ihm half, den Schmerz, das Trauma, den Horror zu überwinden.

 

 

 

Jens Balzer ist Redakteur im Feuilleton der «Berliner Zeitung». 2008 erschien seine Übersetzung von Art Spiegelmans «Breakdowns. Portrait des Künstlers als %@*!»

 

  

Guy Delisle

Aufzeichnungen aus Birma

Aus dem Französischen von Kai Wilksen.

Reprodukt, Berlin 2009. 272 S., 20 €

 

Pjöngjang

Aus dem Französischen von Jochen Schmidt.

Reprodukt, Berlin 2007. 178 S., 18 €

 

Shenzhen

Aus dem Französischen von Jochen Schmidt.

Reprodukt, Berlin 2005. 152 S., 18 €

 

Emmanuel Guibert, Didier Lefèvre, Frédéric Lemercier

Der Fotograf. Allein nach Pakistan

Aus dem Französischen von Martin Budde.

Edition Moderne, Zürich 2009. 108 S., 28 €

 

Der Fotograf. In den Bergen Afghanistans

Aus dem Französischen von Martin Budde.

Edition Moderne, Zürich 2008. 80 S., 24 €

 

Joe Sacco

Palästina. Eine Comic-Reportage

Aus dem Amerikanischen von Jutta Harms. Mit einem Vorwort von Edward Said. Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2004. 285 S.

(Der Band ist antiquarisch erhältlich und erscheint im Herbst neu in der Edition Moderne, Zürich)

 

Marjane Satrapi

Persepolis. Eine Kindheit im Iran

Aus dem Französischen von Stephan Pörtner.

Edition Moderne, Zürich 2004. 164 S., 22 €

 

Persepolis. Jugendjahre

Aus dem Französischen von Stephan Pörtner.

Edition Moderne, Zürich 2004. 192 S., 26 €

 

 

 

 

 

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