"Doktor" Platthaus wie immer vom Feinsten

Veröffentlicht auf von Bembelo

Es gibt wohl, was den Bereich der Neunten Kunst angeht,  keinen besseren deutschen Journalisten als Andreas Platthaus von der FAZ. Die Zeitung gehört zwar nicht zu meiner bevorzugten Lektüre (wer mich kennt weiß warum), aber die Artikel von Andreas Platthaus gereichen diesem Zentralorgan der herrschenden Klasse zur Ehre.

 

 

Hier ein etwas älterer Artikel der vor dem Comic-Salon erschienen ist, der aber auch heute noch genauso mit Genuß zu lesen ist wie im Mai.

 

Wer gewinnt in Erlangen?

22. Mai 2010, 02:59 Uhr

Was für ein Genuß, die Auswahl zum Erlanger Max-und-Moritz-Preis, der wichtigsten deutschen Comic-Auszeichnung, endlich wieder kommentieren zu dürfen! Die vergangenen fünf Male (und das heißt beim Zweijahresrhythmus von Erlangen seit zehn Jahren) war ich Teil der Jury und durfte mir das Gejammer und die mokanten Bemerkungen all der Enttäuschten anhören. Jetzt aber dürfte ich erstmals im neuen Jahrtausend selbst jammern und mich mokieren - und was passiert? Es gibt keinen Anlaß dazu. Denn die Entscheidungen der Jury sind vernünftig. Zumindest zunächst.

Denn abgerechnet wird erst am 4. Juni, wenn während des Comicsalons auf der traditionellen Preisgala im Erlanger Markgrafentheater bekannt gegeben wird, wer die Sieger sind. Bisher gibt es lediglich zwanzig Kandidaten. Zwanzig? Was ist denn bloß aus den alten Kategorien geworden, in denen jeweils drei bis fünf Kandidaten nominiert waren, in Rubriken wie „Bester deutschsprachiger Comiczeichner" (die einzige hochdotierte Auszeichnung), „Bester deutscher Comic", „Bester internationaler Comic", „Bester Comic für Kinder", „Bester Comic-Strip"? Sind die weg? Nein, sie sind alle noch da, aber diesmal werden die Gewinner aus dem Gesamtpool gewählt. Oder sagen wir es so: Das sollen wir glauben. In Wirklichkeit hat die Max-und-Moritz-Jury ganz klassisch ihre Favoriten in den jeweiligen Rubriken bestimmt, aber wir dürfen uns diesmal selbst überlegen, welche Kandidaten für welchen Preis in Frage kommen, denn bekannt gegeben hat man nun eben unterschiedslos alle zwanzig Kandidaten. Eine kleine Revolution, die die Spannung bis zum 4. Juni beträchtlich erhöhen sollte.

Zwei Gründe gibt es dafür. Zunächst kommen nun einzelne Titel für mehrere Preise in Frage. Ralf König etwa könnte mit seinen Arbeiten „Prototyp/Alphatyp", die jeweils als Comic-Strips in der F.A.Z. liefen, nicht nur als bester Strip, sondern durchaus auch als bester deutscher Comic geehrt werden. Und solche Fälle gibt es mehrere. Schließlich gibt es auch noch eine ganz neue Auszeichnung: den Publikumspreis. Dazu stehen auf der Homepage des Comicsalons alle zwanzig Titel zur Wahl, und man darf gespannt sein, wie sich die Juryentscheidungen dann mit dieser Umfrage vertragen. Die Idee ist zwar vom Sondermann-Preis der Frankfurter Buchmesse geklaut, aber warum soll man nicht ein Erfolgsmodell kopieren? Und der große französische Bruder, der Comicsalon von Angoulême, macht mit dem neuen Erlanger Prinzip seit einigen Jahren auch schon gute Erfahrungen. Die große Liste, aus der dann alle Preisträger bestimmt werden, verspricht den dort enthaltenen Titel zudem viel mehr Aufmerksamkeit als kleine Spezialrubriken.

Nun aber endlich zur Sache: Wer steht auf der Liste? Es sind (alphabetisch geordnet) „Alpha. Directions" von Jens Harder (Carlsen Comics)
, „Bäche und Flüsse" von Pascal Rabaté (Reprodukt), ,
„Drei Schatten" von Cyril Pedrosa (Reprodukt), 
„Ein neues Land" von Shaun Tan (Carlsen Comics)
, „Engelmann. Der gefallene Engel" von Nicolas Mahler (Carlsen Comics), 
„Freche Mädchen - freche Manga! Handykuss und Liebesrätsel" von Bianka Minte-König und Inga Steinmetz (Tokyopop), 
„Gift" von Peer Meter und Barbara Yelin (Reprodukt), 
„Hector Umbra" von Uli Oesterle (Carlsen Comics / Edition 52), 
„Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" von Ulli Lust (avant-verlag / electrocomics.de), 
„Ikkyu" von Hisashi Sakaguchi (Carlsen Manga), 
„Kirihito" von Osamu Tezuka (Carlsen Manga)
, „Lio" von Mark Tatulli (Bulls Press), 
„Louis am Strand" von Guy Delisle (Reprodukt)
, „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen" von Jean Regnaud und Émile Bravo (Carlsen Comics)
, „Orange" von Benjamin (Tokyopop), 
„Pinocchio" von Winshluss (avant-verlag), 
„Prototyp" / „Archetyp" von Ralf König (Frankfurter Allgemeine Zeitung / Rowohlt Verlag), 
„Spirou & Fantasio Spezial. Porträt eines Helden als junger Tor" von Émile Bravo (Carlsen Comics)
, „Such dir was aus, aber beeil dich! Kindsein in zehn Kapiteln" von Nadia Budde (S. Fischer) und 
„Das variable Kalendarium" von Kat Menschik (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

Klar, daß ich mit dieser Auswahl zufrieden bin. Gleich zwei F.A.Z.-Strips sind dabei und etliche Bände, die ich in den letzen zwei Jahren geliebt und propagiert habe (Harders „Alpha" und Ulli Lusts „Letzter Tag", die, wenn alles vernünftig läuft, die Preise für den besten deutschen Zeichner - Harder - und fürs beste deutsche Album - Lust - erhalten werden), Shaun Tan (der beim feigen Jugendliteraturpreis mit seinem Meisterwerk „Ein neues Land" nicht zum Zug kam, obwohl er wenigstens mit einem anderen Titel gewann, der kein Comic war, weshalb er jetzt den Preis für den besten internationalen Comic gewinnen müsste) und der grandiose Émile Bravo, der den Preis als bester Kindercomic für sein „Mutter"-Album verdient hätte (denn beim Jugendliteraturpreis, für den er dieses Jahr auch nomniert ist, wird er mit seinem Comic nicht gewinnen - siehe Shaun Tan). Bei einem Tip für den Strip-Preis enthalte ich mich natürlich aus Rücksicht auf die beiden mir so werten Künstler König und Kat Menschik zurück. Beeinflussen könnte ich ohnehin niemanden mehr, denn die Preisträger stehen längst fest, nur kennt sie noch keiner. Aber es sind ja kluge Leute in der Jury, also wird es so ausgehen, wie ich glaube. Schande über mich und die Juroren, wenn nicht!

Zwei Preise stehen übrigens schon fest. Der Spezialpreis der Jury geht diesmal an zwei prachtvolle Publikationen: die „Spirit"-Reihe des Salleck-Verlags und den gerade bei Carlsen erstmals auf Deutsch in vollem Umfang verlegten „Vertrag mit Gott". Also eigentlich ein Spezialpreis für Will Eisner, aber der ist ja tot, also sollen die Leute hochleben, die sein Andenken hochhalten. Und dann ist der Preis für ein Lebenswerk schon bekannt gegeben worden: Pierre Christin bekommt ihn, der große französische Szenarist. Nach Alan Moore vor zwei Jahren ist das der zweite reine Autor, eine klare Aufwertung des Inhalts von Comics gegenüber der Form, und man darf nur hoffen, dass Christin im Gegensatz zum Eigenbrötler Moore persönlich nach Erlangen kommen wird, um die Max-und-Moritz-Brote entgegenzunehmen. Aber das wird klappen, nein, muß klappen, denn die lange Unklarheit über seine Anwesenheit hat die Bekanntgabe der Nominierungen zum Max-und-Moritz-Preis um mehrere Wochen verzögert. Man wird sehen, ob das dem ersten Publikumspreis nicht schadet.

Wer mehr über den Comicsalon und seine Preisträger wissen will, der liest in zwei Wochen an dieser Stelle weiter, denn natürlich werde ich in Erlangen sein und im Blog darüber schreiben. Am 3. Juni geht's los, in Franken und bei faz.net. Und am Sonntag, dem 6. Juni, ist dann an beiden Orten auch schon wieder alles vorbei. Aber in diesen vier Tagen schaut ganz Comic-Deutschland auf Erlangen.

Veröffentlicht 22. Mai 2010, 02:59 von Andreas Platthaus

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