Dieser Hund kann sprechen Joan Sfar & Christophe Blain

Veröffentlicht auf von Bembelo

 

Dieser Hund kann sprechen    von Jens Balzer

 

Die Comics von Joann Sfar und Christophe Blain sind rührend, klug und anspielungsreich. Und zeigen, dass menschenähnliche Tiere in keinem Medium besser aufgehoben sind.

Herakles ist ein Gott. Nein, genau genommen ist er ein Halbgott. Denn sein Vater Zeus hat ihn dereinst mit einem Menschenmädchen gezeugt. Herakles ist zwar nicht der Allerklügste. Doch er ist schön, stark und mutig und erlebt aufregende Abenteuer in aller Welt – begleitet von Sokrates, seinem treuen Gefährten. Sokrates ist ein Hund. Nein, genau genommen ist er ein Halbhund. Denn zur Hälfte ist Sokrates Philosoph. Ergeben begleitet er seinen Herrn und kommentiert dessen Taten mit Sinnsprüchen und Reflexionen. Herakles ist Analphabet. Sokrates hingegen kann nicht nur sprechen, sondern auch lesen. Aber er achtet darauf, dass sein Herrchen nichts davon merkt. Der beste Philosoph ist bekanntlich jener, der im rechten Moment zu schweigen versteht.

Wenn Sokrates überhaupt einmal spricht, dann spricht er zu den Frauen, die Herakles umschwirren – und die dieser  doch vergeblich zu betören versucht. Denn mal ist er zu schüchtern, mal ist er zu grob. Vor allem aber ist er ein tumber Machist! Da hat ihm der Halbhund so manches voraus: Er vermag nicht nur im rechten Moment zu schweigen; er ist bei Bedarf auch anschmiegsam und niedlich genug, um noch das stolzeste Frauenherz zu erweichen. Sokrates, der Halbhund – erschaffen von den französischen Zeichnern Joann Sfar und Christophe Blain – ist das klügste und talentierteste Tier, das gegenwärtig in den Comics zu finden ist.

Zugleich ist er der tollste Minimalist: Durch einen bloßen Blick, eine Geste, ein stilles Verharren versteht er die Verhaltensweisen der Menschen auf den Prüfstand zu stellen.


 

Ein Einzelfall ist Sokrates natürlich nicht: Philosophierende Tiere hat es in den Comics schon viele gegeben. Man denke nur an Snoopy, den Stoiker-Beagle aus der Peanuts-Familie, der vom Dach seiner Hundehütte herunter die Umwelt mit Bibel- und Shakespeare-Zitaten analysiert. Oder an Hobbes, den Pragmatismus predigenden Tiger aus Bill Wattersons wunderbaren «Calvin und Hobbes»-Comic-Strips der Achtziger- und Neunzigerjahre.
Von ihnen hat «Sokrates»-Autor Joann Sfar ebenso viel gelernt wie von Walt Disney, Art Spiegelman und den «Tom und Jerry»-Cartoons. Seine Geschichten sind geistreich und geistesgeschichtlich grundiert, erfreuen sich aber auch am trivialen, manchmal brutalen Witz der Comic-Tradition. 1971 in Nizza geboren, hat Sfar zunächst Philosophie studiert und reüssierte dann Ende der neunziger Jahre als Comic-Zeichner. Er wurde zum führenden Protagonisten der «Nouvelle Bande Dessinée», einer Schule junger französischer Zeichner, die sich mit anspielungsreich-ironischen, mit allen Wassern des literarischen Modernismus gewaschenen Werken vom Erbe der alten «Tim und Struppi»-Comics verabschieden wollten.

Sfars erstes Hauptwerk war «Die Katze des Rabbiners», auf Deutsch in bisher fünf Bänden erschienen. Darin erzählt er die Geschichte einer Katze, die einem Rabbiner im Maghreb der 1930er-Jahre gehört   und eines Tages dessen Papagei auffrisst, um auf diese Weise die menschliche Sprache zu lernen. «Rabbi», wendet sich das Tier als Erstes an seinen Herrn, «ich bin ein jüdischer Kater. Darum will ich jetzt meine Bar-Mizwa machen.» «Die ist für Katzen nicht vorgesehen», sagt der Rabbiner, «die Bar-Mizwa gibt es nur für Menschen.» «Wo ist der Unterschied zwischen einem Menschen und einer Katze?», fragt die Katze zurück: «Wenn der Mensch Gott gleicht, weil er sprechen kann, dann bin ich dem Menschen gleich.»

So fordert die schlaue Katze ihren Herrn immer wieder in Glaubens- und Geistesfragen heraus – und ist insofern das genaue Gegenbild zum Halbhund Sokrates, dessen Abenteuer Joann Sfar etwa zeitgleich ab dem Jahr 2000 zu erzählen begann (der aber erst jetzt seine deutsche Ausgabe erlebt).

Denn wo die Katze durch dauerndes Reden und In-Frage-Stellen ihre unwilligen Gesprächspartner in die theologische Bredouille bringt, kommentiert der sokratische Halbhund die Geschehnisse um ihn herum lieber durch besonnenes Schweigen – und die daraus resultierende stumme Aufforderung an die Menschen, im nimmermüden Lauf der Alltagsgeschehnisse innezuhalten.

Für «Sokrates» hat Sfar nur das Szenario verfasst, die Bilder stammen von dem  gleichaltrigen französischen Zeichner Christophe Blain, der vor kurzem auch mit seiner eigenen Serie «Isaak, der Pirat» hervortrat: Darin verbindet er moderne Abenteurer-Mythen von Poe über Melville bis Stevenson zu einem zitatenreichen Epos. Wo der Zeichenstrich Sfars eher durch seine nervöse Hektik besticht, sind die Bilder von Blain reduziert und ruhig. Er pflegt die Körper leicht in die Länge zu ziehen und fügt sie elegant in den Bilder- und Gedankenfluss ein: Das passt gut zu der stillen und tastenden Philosophie, die der ganzheitlich weise Halbhund hier betreibt.

Wie die besten Ahnen aus der Comic-Tier-Tradition, changiert auch dieser
Sokrates zwischen heiterer Naivität und ironisch übertriebener Klugheit. Was ist «menschlich» und was «animalisch»? Wie weit reicht das natürliche Erbe und wo beginnt die Macht der Kultur? Zur Erörterung dieser Fragen, das haben uns Sfar und Blain wieder einmal gezeigt, gibt es kein besseres Medium als einen Comic mit sprechenden Tieren.

 

Joann Sfar,
Christophe Blain
Sokrates, der Halbhund
Bisher zwei Bde.,
Reprodukt, Berlin 2011.
Je 48 S., 12 €

Joann Sfar
Die Katze des Rabbiners
Fünf Bde.,
Avant, Berlin 2004/2007.
Je 48 S., 14,95 €

Christophe Blain
Isaak, der Pirat
Fünf Bde.,
Reprodukt, Berlin 2005/2007.
Je 48 S., 12 €

Artikel erschienen in :    Literaturen   Ausgabe Juli 2011

 

Gefunden im Netz bei :  www.kultiversum.de

 

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