Das Leben der Roma im Comic

Veröffentlicht auf von Bembelo

Ein interessantes Comic-Projekt kommt aus Tschechien. Mal sehen, ob es einen deutschen Verleger findet ?

 

 

MINDERHEITEN: Roma-Leben im Comic-Format

Drei Bilderbögen illustrieren den Alltag der ungeliebten „Zigeuner“ in Tschechien

PRAG -  Keva steht mit ihrer Freundin plaudernd an einer Straßenbahnhaltestelle. Eine Tram poltert über das Kopfsteinpflaster. Die beiden dunkelhäutigen Frauen steigen ein. Plötzlich ruft eine korpulente Blondine: „Das Mädchen da hinten sieht aus wie eine Hure.“ Da ruckelt die Bahn, Keva verliert das Gleichgewicht. Sie tritt der Blonden auf den Fuß und entschuldigt sich knapp: „Sorry“. Als Antwort stampft die Blonde Keva auf die Zehen. Die Frauen fauchen, die Blonde verlässt die Tram – und spuckt Keva zum Abschied ins Gesicht.

Klassische ComicHeroen sehen anders aus: Zierlich und unscheinbar ist Keva, einer der drei Antihelden aus der jüngst in Prag erschienenen Comic-Trilogie „Roma-Geschichten“ („O pribjehi“). Die Szenen wie jene aus der Straßenbahn sind so oder ähnlich wirklich passiert. Es sind authentische Erzählungen, benannt nach ihren Protagonisten: Keva (21), Albina (40) und Ferko (60).

„Ich war neugierig, wie mein Leben als Buch aussehen würde“, sagt Keva und nippt in einem Prager Biergarten an ihrem Kaffee. Die Idee zu der Comic-Serie hatten die Roma-Forscherin Maša Borkovcova und die Sozialanthropologin Marketa Hajska. Borkovcova traf Keva vor vielen Jahren, als sie Romakinder in Ferienlagern betreute. Co-Autorin Hajska hat als Studentin Roma-Kindern Nachhilfeunterricht gegeben. So kam ihr Kontakt zu Keva zustande.

Mit Geld aus dem europäischen Kulturfonds und dem Zeichner Vojtech Masek haben die beiden Pragerinnen die „Roma-Geschichten“ als Dokumentar-Comics angelegt. Marketa Hajska erklärt den Vorteil: „Comics geben nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch Bilder einen Einblick in die Atmosphäre, in der sich die einzelnen Episoden abspielen. In unseren Büchern kann man zum Beispiel erfahren, wie Roma-Dörfer aussehen.“

Die Trilogie soll vor allem junge Menschen ansprechen, die ein Sachbuch über Roma nicht anrühren würden, und einen Einblick in das weitgehend fremde Roma-Leben gewähren. Die Medien in Tschechien haben „O pribjehi“ mit Begeisterung aufgenommen.

Die Alltagsbetrachtung aus Sicht der heute 21-jährigen Keva zeigt – basierend auf Fotografien aus ihrer Kindheit – diverse Situationen ihres Leben: Kinderheim, Schuldiskriminierung, Umzüge, Prügeleien, Beschimpfungen, Kriminalität und Liebe. Die Frage, ob Keva über die Umstände siegen wird, bleibt offen. Es geht nicht um eine gradlinige Geschichte – die Leser sollen vielmehr etwas über die Familie, die Ängste und Sehnsüchte der Protagonistin erfahren.

Keva wird am 6. September 1989 geboren – zwei Monate zu früh. Als die Eltern sie am 17. November nach Hause holen, beginnt in Prag die Samtene Revolution. Für viele Roma eine unglückliche Zäsur: „Unzählige Roma waren während des Sozialismus als Hilfsarbeiter tätig – und sind nach 1990 als erste entlassen worden“, sagt Maša Borkovcova. Zudem hatten nach Teilung der Tschechoslowakei slowakische Roma in Tschechien ohne tschechische Staatsbürgerschaft keinen Anspruch auf Sozialleistungen oder Obdach.

Eine Wohnung hatten Keva, die neun Geschwister und ihre Eltern – die als Putzfrau und Wachmann arbeiten – immer. Heute lebt die Familie mit den jüngsten fünf Kindern in einer Neubausiedlung am Rande Prags.

Roma spüren schon früh den vermeintlichen Makel ihrer Herkunft: Als Keva anderthalb ist, schwänzen zwei Geschwister die Schule. Die Kinder der Familie werden neun Monate lang in ein Heim gesteckt, auch Keva. „Ich weiß nur noch, wie die mich da zu einem Bettchen geführt haben“, erinnert sie sich. „Es war schrecklich.“

Und die eigene Schulzeit? Kevas erste Lehrerin bemühte sich nicht, ihren Roma-Hass zu verbergen. Schon bald schwänzte das wissbegierige Mädchen und landete auf der Sonderschule – wie viele Roma-Kinder.

Heute macht Keva die Betten in einem Hotel. Wenn sie jemand nach ihrer Nationalität fragt, ist es ganz entscheidend, wer fragt: „Für Ausländer bin ich Tschechin“, sagt Keva, die einen tschechischen Pass hat, „aber wenn mich Tschechen fragen, bin ich Roma“.

Manche sehen es ihr auch an: Als Keva kürzlich einige Kleider kaufen wollte, fragte die tschechische Verkäuferin verächtlich: „Reicht es dafür bei dir überhaupt?“ „Ich glaube nicht“, hat Keva erwidert und den Laden verlassen. „Die Situation hier wird immer schlimmer“, sagt sie. Man könne nicht viel daran ändern, „weil wir die Tschechen einfach stören“.

Dabei hat sie gerade selbst einen kleinen großen Schritt für eine Annährung gemacht: Auf einer Silvesterfeier hat Keva den tschechischen Bodenleger Marek kennengelernt, im April ist sie zu ihm und seinen Eltern gezogen. Vor einigen Tagen haben die beiden geheiratet: Es war ein rauschendes Fest mit 130 Gästen – Romatraditionen inklusive. (Von Barbara Breuer)

 

Aus der Märkischen Allgemeinen  vom 13.9.2010

Veröffentlicht in Rezensionen u.ä.

Kommentiere diesen Post