Da lacht der Schwabe......und der Pfälzer wundert sich !

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Im Bett mit Daisy Duck

Jürgen Meyer hat die größte Comics-Sammlung weit und breit

Jürgen Meyer aus Belsen sammelt und sammelt. Vor allem Comics. Etwa 50 000 hat er in seinem Besitz.

Jürgen Jonas
Das Fieber der Kindheit hält bei ihm bis heute an: Der Comic-Sammler Jürgen Meyer inmitten einer ... Das Fieber der Kindheit hält bei ihm bis heute an: Der Comic-Sammler Jürgen Meyer inmitten einer Auswahl seiner Heftchen. Bild: Franke

Belsen. Das Haus beim Belsener Bahnhof ist eine Schatzgrube. Jürgen Meyer ist anscheinend als Sammler geboren. Man kennt den urgebürtigen Belsener als Fahrradfahrer und Fotografen, Lokaljournalisten, Obst- und Gartenbau-Vertreter und Buchautor von Titeln wie „Geheimnisvolle Entdeckungen zwischen Neckar und Alb“. Rechts neben der Haustür ist ein Zimmer.

Nein, kein Zimmer, der „Wareneingang“. Dort werden Pakete mit Sendungen neuer Comic-Hefte gelagert. Dort stehn auch ausgebrauchte Straßenschilder und alte Bücher, meist Bibeln, die der Großvater Adolf Schäfer aus Abbruchhäusern rettete. Im Haus unterhielt Schäfer ein Schallplattengeschäft. Er sammelte Fotos und fotografierte, zeigte „Belsen in alten Bildern.“ „Die Sammel-Gene sind von ihm,“ sagt Meyer.


Viele Kisten umfasst das Bilder-Archiv. Meyer hält unermüdlich mit der Kamera fest: Änderungen und Entwicklungen in den Orten der südwestdeutschen Heimat. Ach so, die Schallplatten! Zehn Jahre, zwischen 1980 und 1990, hat er bei einer mobilen Disco mitgewirkt. Maxi-Singles und andere Tonträger sind im Überfluss vorhanden. Und die große Sammlungen landeskundlicher Bücher nicht zu vergessen sowie die vielen Zentner Zeitungs- und Zeitschriften-Jahrgänge.

Die Eltern hatten ein Elektrogeschäft. Im ehemaligen Verkaufsraum hängt noch eine schöne Zanker-Leuchtreklame. Ein Sammlerobjekt, für das Meyer schon Angebote bekommen hat. Aber „so ein Typ wie ich gibt ja nix her!“ Der 47-jährige hat bei der Pausa Industriekaufmann gelernt, dann eine Redakteursausbildung beim „Generaler“ gemacht. Hat sich nie von seinem Heimatort fortbewegt. „Was soll ich in Mallorca, ich hab hier Obstbäum' zu schneiden!“, sagt er. Hier genießt er das „Glück des unbegrenzten Raums.“ Meyer braucht Platz. 50 000 Comics wollen untergebracht sein.


Wo kommen sie her? Da, wo jetzt die Nabu-Geschäftsstelle ist, war früher eine Filiale der Ifa-Kette. Des Jungen Schulweg führte dran vorbei, wo alle Buben und Mädle den Kaugummi- und Gummibärenbedarf decken. Und den Lesehunger stillten. Es gab etwa zwanzig verschiedene Hefte: Felix, Bessy, Buffalo Bill, Silberpfeil und mehr. 90 Pfennig kostete so ein Druckerzeugnis. Mit dem Taschengeld war da nicht viel auszurichten. Eine Mark im Monat, das dickste Heft mit dem meisten Lesestoff wurde bevorzugt.

An eine Erkältung erinnert sich Meyer lebhaft, mit acht Jahren, in der zweiten Klasse, erwischte es ihn. „Das Buschgespenst“ von Karl May hat er dabei gelesen, die Comics wurden langweilig. Dieser Fieberzustand war „der Grundbeginn“ der Sammlung. Der junge Meyer sagte sich: „Du brauchst ein Notpolster, wenn du krank wirst.“ Ein „bescheidenes Fundament“ kam so zusammen. Allerdings war er dann praktisch nie wieder krank.

Sammeltage richteten sich die Knaben ein, Meyer tauschte Heftegegen postfrische Briefmarken. Die „Generation Internet“ tut das heute nicht mehr, die Faszination von Figuren wie Akim, Sigurd oder Nick hat nachgelassen. Keine Riesenvorfreude mehr beim Spruch: „Wastl ist schon in 14 Tagen wieder neu!“ Meyer trug Prospekte aus, der Verdienst wurde in Heften angelegt. „Schmeiß das Schundzeug weg“ hat übrigens nie jemand zu ihm gesagt.

Weil es nicht für alles reichte und Unterbrechungen beim Heft-Erwerb eintraten, ist Meyer heute dabei, seine „Kindheit zu rekonstruieren“. In einem vorgelagerten Raum stehen große Stapel.„Das sind die noch zu Lesenden.“ In dem Raum dahinter geradezu ungeheure Mengen „Tim und Struppi“, „Leutnant Blueberry“, „Jugurtha“, „Lustige Taschenbücher“ von Walt Disney, „Fix und Foxi“, „Spinne“, „Phantom“, „Dan Cooper“, „Valerian“, „Rick Master“ – die meisten säuberlich in Plastikfolie. Vollständigkeit ist angestrebt.

Wo kommen sie her? Im Internet tut sich Jürgen Meyer kaum um. Seine Sache ist das Stöbern auf Flohmärkten, „je ländlicher, desto besser.“ Nach Stuttgart braucht der Comic-Sammler nicht zu gehen, „alles abgegrast“. In Riedlingen und Munderkinden lohnt es sich eher. Sein Handwerkszeug liegt parat, Spezialwerke wie „Boom“, ein Lexikon der Laut-imitierenden Worte wie etwa „zack“ oder „wrooommmm“. Und natürlich die Fachzeitschrift „Der Donaldist“, denn Meyer gehört selbstredend der „deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus“ an.


Da ist vor allem die Fehlliste, ein Büchlein, in dem verzeichnet ist, was ihm von welcher Serie fehlt. Dann der Comic-Preiskatalog. Die erste deutsche Ausgabe von „Superman“ kostet heutzutage 130 000 Euro. Hat er aber nicht. Es geht Meyer auch nicht ums Geld. Die Hefte sind ihm keine geheiligten Gegenstände.„Ich muss sie zum Lesen ins Freibad mitnehmen können, sie müssen schon gelebt haben und durch Kinderhände gegangen sein.“

Er freut sich nach dem Tagewerk unbändig darauf, im Bett Comics zu lesen. Dagobert und Daisy, Minnie und Mickey zu begegnen den Entenhausener Stadtplan zu verfolgen. Wie, in Ihrem Alter, Herr Meyer? Ach was, „es hält einfach jung.“ Alltagskulturgeschichte wird offenbar. Da, allein in diesem Felix-Heft aus dem Jahr 1972, die Eis-Werbung: „Hol dir den Superschleck!“ Die Werbung beschwört herauf, was man damals für Genüssen frönte. Die Geschichten zeigen, wie man redete. „Haste Töne“, stand in den Sprechblasen oder „alles in Butter“ – Redewendungen, die aus der Mode gekommen sind.

Ein „Paralleluniversum der Comic-Helden“ scheint ihm nicht gänzlich jenseits dessen zu liegen, was möglich ist. Einen winzigen Teil seiner Heft-Schätze zeigt Meyer im Mai in einer Ausstellung über die Fünfziger Jahre im Gomaringer Schloss. Karl Kraus, der seiner Jugend stets froh gedachte, meinte, einem „guten Gehirn“ müsse es möglich sein, „jedes Fieber der Kindheit so mit allen Erscheinungen sich vorzustellen, dass erhöhte Temperatur eintritt.“ Jürgen Meyer hat eins.

13.04.2010 - 08:30 Uhr
Erschienen auf
http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/moessingen_artikel,-Juergen-Meyer-hat-die-groesste-Comics-Sammlung-weit-und-breit-_arid,97628.html

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