Comicstadt Brüssel - Nicht nur Schlümpfe wohnen hier

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Comicstadt Brüssel

Nicht nur Schlümpfe wohnen hier

Stuttgarter Zeitung

Von Christopher Ziedler, Brüssel, aktualisiert am 09.08.2011 um 13:40

 

 

 

 

Brüssel - Am Anfang hat nur diese blaue Hand aus dem Busch hervorgeschaut. Auf dem nächsten Bild war ein klitzekleines Augenpaar zu sehen. Dann mussten die Leser des Comicheftes "Spirou"ganze fünf Wochen warten, bis in der nächsten Ausgabe aufgelöst wurde, mit welcher Gefahr ihre mittelalterlichen Helden "Johann und Pfiffikus" da konfrontiert waren. Als dann tatsächlich der erste Schlumpf auftrat - man schrieb das Jahr 1958 -, konnten die Leser gar nicht genug von den blauen Waldbewohnern mit den weißen Mützen bekommen. Der Brüsseler Zeichner Pierre Culliford, der unter dem Künstlernamen Peyo weltberühmt wurde, musste nachlegen und eigene Geschichten über die Schlümpfe erzählen.

Viele Bücher und Fernsehserien später hat der Kult dessen Schöpfer selbst überlebt, der an Heiligabend im Jahr 1992 starb. Mit dem neuen 3D-Film, der gerade in den Kinos läuft, erhält er noch einmal neue Nahrung. Nebenbei wird dadurch auch Brüssel als Geburtsstätte des europäischen Comics wieder in Erinnerung gerufen.

 

Comics gehören zu Belgien wie Pommes und Bier

Willem de Graeve vom Comicmuseum in der europäischen Hauptstadt berichtet von steigenden Besucherzahlen und besonders vielen Anfragen aus aller Welt. Das hat nicht nur mit den Schlümpfen, sondern auch damit zu tun, dass der amerikanische Starregisseur Steven Spielberg demnächst den belgischen Comicexportschlager schlechthin auf die Leinwand bringt. Der Film "Tim und Struppi" feiert am 25. Oktober Weltpremiere in Brüssel.

Der Erfinder und Zeichner von "Tintin", wie der weltreisende Reporter seit 1929 auf Französisch heißt, hat die belgische Hauptstadt auch zur Hauptstadt des europäischen Comics gemacht. Georges Remi, viel besser bekannt unter dem Namen Hergé, die für seine umgedrehten und französisch ausgesprochen Initialen "RG" stehen, war nicht der erste, aber doch der erste berühmte Comiczeichner. Er wurde zu einer Art Nationalheld, zu einem Vorbild, dem die Jungen nacheiferten.

Es entstand eine lebendige Szene aus Künstlern, Verlegern, Studios und Lesern, die sich bis heute erhalten hat. Die bunten Bilder mit den kleinen Texten entsprächen auch - so sagt es zumindest der Brüsseler Literaturwissenschaftler Willem de Graeve - dem Bedürfnis der politisch über die Sprache so zerstrittenen Flamen und Wallonen, auf "eine einfachere Weise miteinander zu kommunizieren". Es ist zumindest eine Theorie, die die Beliebtheit zu erklären versucht. "Comics gehören zu Belgien wie Schokolade, Pommes und Bier", sagt de Graeve, "jeder liest sie."

Mindestens einmal hat Peyo, der sich zumindest nach außen ganz unpolitisch gab, den innerbelgischen Streit in einem der Schlumpfbände thematisiert. Da gab es erbitterten Streit in Schlumpfhausen, deren Bewohner sich schließlich in Nord- und Südschlümpfe teilten. Die Grenze durfte nur überqueren, wer einen rigorosen Sprachtest bestand. Es ist bis heute einer der am besten verkauften Bände in Belgien, weil die Moral von der Geschichte am Schluss ganz eindeutig ist. "Einzeln ist ein Schlumpf sehr schwach", analysiert Willem de Graeve, "nur in der Gruppe können sich die Schlümpfe gegen den bösen Zauberer Gargamel behaupten."

Neben den Schlümpfen und Tim und Struppi hat Brüssel eine ganze Reihe weiterer bekannter Comichelden hervorgebracht, die auch gegen die Figur von der anderen Seite des Atlantiks bestehen konnten. Da ist Lucky Luke, der Cowboy, der schneller zieht als sein Schatten. Da sind das Marsupilami, das in Deutschland erstmals in den "Fix und Foxi"-Heften erschien, und der Antiheld Gaston. Auch der schon 1977 gestorbene René Goscinny stammt aus Brüssel, mit dem Albert Uderzo zusammen Asterix & Obelix schuf.

Überall grüßen Comic-Charaktere

Dieses Erbe präsentieren die Brüsseler voller Stolz in der ganzen Stadt. Das Comic gilt ihnen als "neunte Kunst" - Maurice De Bevere, der Schöpfer von Lucky Luke, hat diesen Begriff geprägt. Es gibt nicht nur das Museum, das 200.000 Besucher im Jahr anlockt, oder das Marc-Sleen-Haus gegenüber, das dem produktivsten aller Comickünstler gewidmet ist, der mehr als 200 Bände seines "Nero" und regelmäßig 20 weitere Figuren zeichnete. Es gibt auch viele Läden, die ausschließlich Comicbände verkaufen. Und die bunten Bilder sind über die ganze Stadt auf rund 40 Hauswände verteilt.

Unweit des Hotel Amigo etwa, wo die Bundeskanzlerin während der EU-Gipfel nächtigt, rast Tintin auf einer gemalten Außentreppe das Gebäude hinunter. In der Metrostation Stockel grüßt Hergés Charakter gleich 144-mal. Das größte Gemälde in der Rue de la Buanderie ist dem Brüsseler Cowboy gewidmet. Wer in der Nähe wohnt, sagt schon einmal, er lebe im Lucky-Luke-Viertel von Brüssel.

Ein Schlumpfviertel sucht der Besucher dagegen vergeblich. Aber vielleicht kommt das ja noch - zumindest sind weitere Wandgemälde in Planung. Anbieten würde sich natürlich die Rue Schtroumpf, also die Schlumpfstraße - dort, wo auch das Comicmuseum steht und ein Schlumpf schon am Eingang grüßt.

 

 

 


Museen Die zentralen Anlaufstellen sind das Comiczentrum mit dem angegliederten Marc-Sleen-Haus unweit des Brüsseler Königspalastes. Dem Tim-und-Struppi-Schöpfer Hergé ist ein eigenes Museum in Louvain-la-Neuve südlich von Brüssel gewidmet.

Wandgemälde Einen Stadtplan mit dem eingezeichneten Comicrundgang erhalten Besucher bei der Brüsseler Touristinfo auf dem Grand Place in der Stadtmitte. Nur wenige der Hauswandgemälde sind nicht zu Fuß zu erreichen.

Szene Es ist schwer, nicht auf einen der mehr als 30 Comicläden zu stoßen. Von den rund 800 professionellen Comiczeichnern in Belgien lebt und arbeitet der Großteil in Brüssel. Jedes Jahr erscheinen in Belgien allein auf Französisch 3000 Bände - fast zehn pro Tag.

Internet Mehr Informationen unter www.stripmuseum.be; www.museeherge.com

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Anmerkung:  Natürlich ist das Stripmuseum in der Zandstraat / Rue des Sables , die Umbenennung in Rue des Schtroumpfs ist nur eine Publicityaktion gewesen - also scherzhaft. Ansonsten ist der Artikel durchaus lesenswert - Pralinen von Neuhaus sind allerdings noch besser!

 

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