Christoph Blain "En cuisine avec Alain Passard"

Veröffentlicht auf von Bembelo

Man möge mir den Vergleich verzeihen, aber Andreas Platthaus ist für mich der Bocuse des deutschen Comic-Journalismus und durch ihn bin ich mich jetzt ziemlich sicher, dass an seinem Schreibtisch bei der F.A.Z stets ein kluger Kopf sitzt.

 

 

Dieser Meisterkoch ist ein Gezeichneter

14. September 2011, 13:41 Uhr

Noch ein dicker Comicband von Christophe Blain, so kurz nach seinem ebenfalls voluminösen „Quai D'Orsay" (F.A.Z. vom 6. August 2010)? Ja, aber einer der etwas anderen Art. Der Titel, „En Cuisine avec Alain Passard" (in der Küche mit Alain Passrad), ist noch nicht einmal irreführend, weil Blain den Pariser Drei-Sterne-Koch und Weltstar der Gemüseküche tatsächlich ungefähr drei Jahre lang begleitet hat. Es gibt auch fünfzehn gezeichnete Rezepte, von den Gemüsesushi und den Rote Bete mit rotem Basilikum und Pflaumen bis zu dem unter der Haut mit Lorbeer gespickten St. Petersfisch, und die Rezepte werden in vielen Details nicht nur illustriert, sondern auch kommentiert. Der Gag ist, dass der Comic also auch ein avanciertes französisches Kochbuch von ausgezeichneter Qualität ist und der fünfundfünfzigjährige Passard zu den profilierten Meistern seines Faches zählt. Die Grundfrage ist natürlich, ob denn nun das Kochen ein Thema ist, das dem in Frankreich längst als erzählerische Form etablierten Comic etwas zu bieten hat, oder ob hier nur wie in einer Art statistischen Normalverteilung irgendwann auch einmal dieses Thema dran ist.

Wer Kochbücher und speziell die von Alain Passard kennt, wird längst ahnen, dass es sich gelohnt hat. Die Rezepte sind denkbar einfallsreich und bekommen durch die gezeichnete Darstellung eine Anschaulichkeit, die ihre Umsetzung zwar nicht gerade kinderleicht werden lassen dürfte, aber zumindest erleichtern wird. Dazu kommt, dass Passard trotz aller Gehetztheit seines Daseins als Starkoch ein sehr witziger Gesprächspartner ist, der einerseits eine große Menge an Küchendetails preisgibt, andererseits und vor allem aber erkennt, dass er mit Blain einen ihm ebenbürtigen Meister eines anderen Fachs vor sich hat, wovon seine Küche nur profitieren kann, weil der Zeichner Blain nicht nur ein Star ist, sondern auch Bestsellerauflagen erreicht, die Passards Ruhm mehren werden. Am Ende der Lektüre ist man sich sogar sicher, dass es kaum ein Sujet gibt, das sich die spezifischen Stärken des Comics besser zunutze macht als die Kochkunst.

Das hat einen spezifischen Grund. In Frankreich wird häufig der Begriff „Geste" im Zusammenhang mit Köchen benutzt. Man meint damit eine Reihe von typischen Bewegungen, die im Zusammenhang mit den vielen unterschiedlichen Arbeiten immer wieder zu beobachten sind und sich manchmal zu einer Art von Marotten auswachsen. Blain hat bei Passard Unmengen dieser Gesten aufgezeichnet und wunderbar leicht, typisch und dezent übertreibend erfasst. Das Titelbild zeigt zum Beispiel ein Bild aus dem Rezept „Ananas à l'huile d'olive, miel et citron" (Olivenöl, Honig und Zitrone), bei dem sich der Meister in großer Pose denkend den Materialien nähert. Man lacht laut, weil hier alles so gut getroffen ist.

Dabei schafft Passard etwas, das nur den wenigsten Meisterköchen gelingt: Er wird durch seinen Hang zur Selbststilisierung aks Künstler nicht lächerlich, sondern sympathisch - vielleicht, weil Blain immer ganz nah dran ist, eigentlich ein wenig zu nah, und auch seine Verwirrung beim Probieren und seine Reaktionen auf die vielen Aufforderungen und Erklärungen von Passard gleich mit ins Bild bringt. Ein besonderer Höhepunkt ist die Passage mit Julie, einem zarten und leicht gebeutelt wirkenden Wesen, von der quasi nur der Kopf abgebildet wird und die aus dem Innenleben von Passards Küchenbrigade erzählt („Er schreit nie. Er macht höchstens einmal eine kleine Bemerkung"). Wie sie sich durch den verwirrenden und anstrengenden Alltag erklärt, ist meisterhaft und anrührend dargestellt.

Und dann der Schluss: Passard und der an ihm klebende Zeichner gehen durch eine Straße, und der Koch erzählt, dass er nie Ferien mache und man im Restaurant erst morgens um 3 Uhr die Arbeit beende. „Wann stehst du auf?", fragt Blain. „Um sieben", antwortet Passard. Das Schlussbild zeigt die beiden - nein, nicht wie Lucky Luke in den Horizont, eher in die dunkle Stadt gehend, und Passard ist triumphierend-jovial zu vernehmen: „Hahahaha, man hat ein schönes Leben!" Und das glaubt man ihm, weil Blain uns dieses Leben nahegebracht hat.

Dieser Comic ist also eine Delikatesse der ganz besonderen Art. Eine Übersetzung ins Deutsche ist wie bei vielen wichtigen, guten und schönen Büchern aus anderen Ländern - gerade auch Kochbüchern - nicht zu erwarten. In diesem Fall kann man dem Kochbuch aber auch ohne größere Französischkenntnisse viel abgewinnen. Dem Comic sowieso.

http://www.bd.gallimard.fr/feuilletage-A69612-en_cuisine_avec_alain_passard-5.html

 

Veröffentlicht 14. September 2011, 13:41 von Andreas Platthaus

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