Brüssel 001

Veröffentlicht auf von journal-de-tournesol.over-blog.de

 

Wenn man jetzt also in Brüssel ist, was macht man dort? Also außer Schokolade essen? Es gibt zum Beispiel ziemlich viele Museen. Wir lassen vorerst den Kunstberg links liegen und begeben uns in eine etwas zugige Seitenstraße einer sehr zugigen Hauptstraße, vorbei an einem monströsen Gaston-Denkmal (vor dem wir uns touristenmäßig gegenseitig fotografieren) ins Comic-Museum.



Das ist in einem ehemaligen Jugendstil-Kaufhaus untergebracht, das damit vor dem Verfall gerettet werden konnte, was ja schon einmal eine gute Sache ist. Jetzt befindet sich dort die Dauerausstellung, das heißt, eine Einführung in die Entstehung eines Comics in den verschiedenen Arbeitsphasen (Texten, Tuschen, Kolorieren, Lettern), dann eine graphische Sammlung mit Originalblättern bekannter Meister (wer arbeitet sauber? wer korrigiert?) und eine weitere Dauerausstellung zur Geschichte des frankobelgischen Comic, chronologisch nach bekannten Meistern des Genre. Hier wird gerade eine Schulklasse durchgescheucht, haben die es gut in Belgien, denk ich. In so schönen Museen waren wir natürlich nie. Und natürlich zeigt sich die Schulklasse ziemlich undankbar.

Neben der Rekonstruktion von Gastons Büro zweigt ein schwarzer Gang ab mit Originalen von Franquins Schwarzen Gedanken, jedes gerahmt und anständig ausgeleuchtet. Das allein ist schon ein Erlebnis, so etwas bei uns unter Ferner Liefen einsortiertes wie Comicseiten hier in musealem Rahmen mal angemessen präsentiert zu bekommen. Erschreckend fand ich, wie wenig man bei uns von all diesen Zeichnern und Alben kennt. Teilweise mußte ich in meiner gaaanz, gaaanz frühen Kindheit kramen, als ich noch Fix-und-Foxi-Hefte las. Da gab es einige dieser Geschichten, und erst, als ich davorstehe, fällt mir wieder ein, was ich damals alles gelesen habe. Und wieder vergessen habe.



Oben gibt es dann eine Sonderausstellung über die Entwicklung der Comics in den letzten zwanzig Jahren, da kenne ich schon deutlich mehr (Bone, Donjon), und eine Sonderausstellung mit Originalzeichnungen der Mumins. Da schlendere ich aber nur noch durch, ich bin schon völlig platt, dazu das schöne Haus, und unten noch der riesige Comicladen, eine Comic-Präsenzbibliothek und schließlich: Das Café. Das ist auch sehr nett, das Essen allerdings eher mittelmäßig. Ist in dem Moment aber egal.

Wir haben noch einen weiteren Marsch vor uns: Im Norden in Schaarbeek, ganz in der Nähe unseres B&B, liegt das Maison Autrique. Wir laufen erst dreimal dran vorbei, dann wieder zurück ins Hotel, vergewissern uns nochmal der Hausnummer, laufen dann wieder hin und klingeln schließlich an einem unauffälligen Haus, an dem nur eine kleine, unauffällige Tafel angebracht ist. Dann wird uns aufgetan.

Die derzeitige Sonderausstellung ist passenderweise der Frühzeit der Bildergeschichte von Hogarth bis Winsor McCay gewidmet, leider gibt es den Katalog nicht auf Englisch oder Deutsch. Aber die Ausstellung ist ohnehin nur nettes Beiwerk und fügt sich ganz unauffällig in das Interieur, denn das hier ist nicht weniger als das erste von Victor Horta entworfene Wohnhaus, das vollständig restauriert und ausgestattet wurde. Freundlicherweise darf man hier auch fotografieren, und das tu ich dann auch.



Die Restaurierung wurde unter der Ägide der Comic-Künstler Schuiten und Peeters durchgeführt, dementsprechend gibt es überall im Haus Anklänge an deren Oevre. Aber wer die Anspielungen nicht versteht, kann immer noch ein wunderbar hergerichtetes Jugendstilhaus besichtigen, komplett mit Küche und Wäschekeller, Kinderzimmer, Schlafzimmer und großem Salon.



Viktor Horta ist Brüssels wichtigster Jugendstilarchitekt, der 1892 mit dem Haus Tassel berühmt wurde. Das ist leider nicht zu besichtigen, da in Privatbesitz, aber ein Jahr später entstand das sehr viel zurückgenommenere Maison Autrique. 1906 baute er das Warenhaus Waucquez, in dem jetzt das Comic-Museum untergebracht ist.

In den Sechzigerjahren abgerissen wurde das Maison du Peuple, das Gebäude der Sozialistischen Partei, mit einer Fassade ganz aus Glas und Eisen. Zwar gab es damals schon viele Proteste gegen den Abriß, aber wenn jemand daherkommt, der behauptet, das Gebäude sei nicht mehr zeitgemäß, dann ist das ja immer ein guter Grund. Aber welche Gebäude sind schon zeitgemäß? Und muß immer alles nach zehn, zwanzig Jahren aus diesem Grund weggerissen und neu gebaut werden? An der Stelle des Maison du Peuple steht jetzt ein glatter, gewölbter Klotz aus den Sechzigern. Bestimmt Isolierglas. Vermutlich tollere Klimaanlage. Und eine Touristenattraktion weniger. Na Bravo, das hat sich aber gelohnt.



Wir stellen fest, daß in der Innenstadt ein eklatanter Mangel an netten Cafés herrscht. Entweder werden Touristen massenabgefüttert, oder es ist eine Kneipe. Daher wieder ins Café Arcadi, und die Himbeer-Eischaum-Torte für ebenfalls gut befunden. Alex dagegen entdeckt die Freuden des belgischen Kirschbieres, das "Kriek" heißt, aber ziemlich friedlich nach Kirschlimo schmeckt. Seitdem muß ich mir anhören, daß es so etwas Tolles in Deutschland nicht gibt.

Veröffentlicht in Sammelsurium vom Allerfeinsten

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post